Werte in einer bewegten Welt

Werte in einer bewegten Welt

Von einer Indienreise ins Schweizer Klassenzimmer: Wie die Buchautorin Yvonne Kägi Werte spielerisch vermittelt und warum das Bewusstmachen der Werte den Grundstein für ein gutes Miteinander legen.

Illustrationen: Petra Hutter

Ob Freundschaft, Wertschätzung, Ehrlichkeit oder Hilfsbereitschaft: das Einüben und Bewusstmachen der Werte sorgt für Tiefgang, stärkt das Selbstbewusstsein und legt den Grundstein für den Selbstwert und ein gelingendes Zusammenleben.
Im Gespräch erzählt Yvonne Kägi, weshalb ihr Werte wichtig sind und wie ihr Buch zustande kam.

Die Inspiration zu deinem Buch kam vom indischen Lehrbuch «Values». Magst du mehr darüber erzählen?

Als ich 30 war, hat sich einiges bei mir verändert und ich suchte nach Antworten zu grundsätzlichen Lebensfragen. Dies führte mich zu Marlies Lüthi in Heiden (Appenzell Ausserrhoden), die Einzelberatungen und Retreats anbietet. Während zehn Jahren habe ich mich vertieft mit Werten auseinandergesetzt, welche meine Sichtweise verändert haben und mir Zusammenhänge erkennen liessen. In dieser Zeit war ich auf einer Indienreise. Das indische Lehrbuch «Values» hat mich zwar angesprochen, doch ich merkte, dass es sich auf die indische Tradition bezog und eine Anpassung auf den Schweizer Kontext sinnvoll wäre. Meine Recherchen ergaben, dass Lehrmittel über Werte in der Schweiz zu diesem Zeitpunkt noch nicht publiziert waren. Mein Coach hat mich dann ermutigt, selbst ein Buch über Werte zu schreiben. Als ich den Verleger des ProKiga-Lehrmittelverlages anfragte, war er davon begeistert und hat mir sofort einen Vertrag angeboten. Während des Schreibens des Buches konnte ich eine Stellvertretung machen und reduziert arbeiten. So hatte ich Zeit für das Buch und konnte meine Ideen (Geschichten, Spiele, Lieder zur Wertvermittlung) gleichzeitig mit den Kindern umsetzen. Das Schreiben ging mir leicht von der Hand und es schrieb mit mir. Auf Waldspaziergängen sprudelten die Ideen nur so. Ich sprach sie aus, nahm sie auf und brachte sie anschliessend zu Papier. Meine Texte wurden danach vom Verlag redigiert und mit Illustrationen von Petra Hutter ergänzt. Für mich sind heute die zwei wichtigsten Werte Liebesqualität (Hilfsbereitschaft, Grosszügigkeit) und Klarheit (Ehrlichkeit, Entscheidungsfähigkeit).

Was ist seit der Erscheinung deines Buches im Jahr 2016 passiert? Hat sich etwas in deinem Leben durch die Wertevermittlung verändert?

Nach der Erscheinung des Buches habe ich Fortbildungskurse für Lehrpersonen angeboten. Die interessierten Lehrer:innen waren sich der Thematik bereits bewusst. Eine Rückmeldung von einer erfahrenen Kindergärtnerin, welche kurz vor ihrer Pensionierung stand, hat mich besonders berührt. Sie sagte, dass sie mit diesem Kurs das Gefühl hatte, sie hätte während ihrer Kindergartenzeit vieles richtig gemacht. In den letzten Jahren sind mehr und mehr Wertebücher erschienen und die Bewusstseinsschulung sowie Wertevermittlung kam dadurch in den Schulen an.

Bei obligatorischen Team-Workshops im Auftrag von Schulleitungen gab es bei gewissen Gruppen aber auch Widerstand. Wertevermittlung hat mit Respekt zu tun. Lernen fängt bei sich selbst an. Mir ist es daher wichtig, Rückschritte anzunehmen, authentisch zu sein und die Resonanz der Gruppe und des Einzelnen bewusst wahrzunehmen.

Heute liegt mein Fokus auf dem Alltag im Schulbetrieb sowie bei der Arbeit mit den Kindern und weniger bei den Kursen. Was waren die Highlights/Herausforderungen der Wertevermittlung in den letzten zehn Jahren für dich?

Meine Berufszufriedenheit ist hoch, seit ich mich selbst mit den Werten vertieft auseinandergesetzt habe und diese in den Alltag einfliessen. Erlebnisse mit Kindern freuen mich dabei besonders. Auch bei scheinbar schwierigen Kindern kann das zeitnahe Reflektieren im persönlichen Gespräch bewirken, dass sie nach und nach mit der Situation anders umgehen.
Mit welchen Werkzeugen und spielerischen Elementen in der Wertevermittlung hast du gute Erfahrungen gemacht?
Mir helfen erfrischender Humor, Leichtigkeit, Achtsamkeit und Einfühlungsvermögen sowie eine offene Haltung in der Wertevermittlung. Auch beachte ich die Rolle der Sprache (Ich-Botschaften) sowie die Bedeutung der Regeln beim Unterrichten. Hinter jeder Regel steht ein Wert. Beispiel: Ich räume auf, was ich hervorgenommen habe (Ordnung/Sorgfalt).
Ausserdem habe ich Rückmeldungen von Lehrpersonen bekommen, dass die Gefühlsherzen bei den Kindern gut ankommen. Mit Geschichten/Liedern können sich Kinder ebenfalls gut identifizieren. Wenn ich Konflikte mit Plüschtieren vorspiele, hole ich die Kinder ab, was in dieser Situation helfen kann. Auch stelle ich fest, dass Naturbeobachtungen im Wald oder draussen wertvoll sind, um Zusammenhänge zu erkennen. Je konkreter, situationsbezogener und näher an der Lebensrealität der Kinder, desto besser.

Um Werte präventiv und situationsbezogen zu vermitteln: welches Beispiel kommt dir dazu in den Sinn?

Anfang Schuljahr werden die jüngeren von den älteren Kindern («Göttisystem») begleitet. Werte wie Freundschaft und Hilfsbereitschaft werden so gelebt. Fragen wie: «Was ist ein guter Klassengeist?» oder «Was kann jeder Einzelne dazu beitragen?» sind für alle ein Thema. Auch das Zusammenspiel in der Natur (Pilz, Käfer) zeigt gut auf, welche Werte (Umweltbewusstsein, Respekt) zählen.

Im Gleichgewicht: Wie ein Mobile greifen Werte wie Respekt und Achtsamkeit ineinander.
Bild: Petra Hutter

Wie reagieren die Kinder, die Schulen oder Lehrpersonen darauf? Erkennen sie den Wert von Werten und lassen sie sich darauf ein?

Kinder sind offen, vor allem bei einem erfahrungsbasierten Unterricht.

Ein Junge hatte zum Beispiel oft Konflikte mit anderen Kindern. Ich habe dies mit ihm reflektiert mit Fragen wie: «Wie geht es dir, wenn du andere ärgerst?», «Wie könntest du dich verhalten, dass es dir und anderen gut geht?» Er hat gemerkt, dass es ihm selber gut geht, wenn er freundlich ist zu den andern. Sein Verhalten kann er zwar noch nicht immer regulieren, aber diese Erkenntnis ist ein wichtiger erster Schritt.

Viele Lehrpersonen erkennen den Wert von Werten und thematisieren diese auch. Ich erlebe grosse Offenheit für Werte an den Schulen, die ich kenne.

Was sind die optimalen Voraussetzungen, um Werte nachhaltig zu vermitteln?

Authentisch sein; was mir wichtig ist, das lebe ich.

Ausserdem ist es wichtig, dass ich die anderen Menschen mit ihrer Wertehaltung respektiere und sie nicht von meiner Haltung überzeugen will. Ich kann mal kritisch nachfragen aber ich will die Werte nicht predigen, sondern leben. Das kann inspirierend sein für andere.

Es gibt ja auch universale Werte. Wie, wo und wann werden diese gelebt? Was beobachtest du?

Die universalen Werte sind zu jeder Zeit, an jedem Ort und für jeden Menschen gültig und sind in allen Menschen vorhanden. Es gibt dabei drei Arten von Werten: universale, kulturelle und religiöse sowie persönliche Werte, die sich auf unser Leben einwirken. Sie bilden unser persönliches Wertesystem. Im Idealfall nehmen die universalen Werte am meisten Raum ein. Dies sind Werte wie: Wertschätzung, Grosszügigkeit, Toleranz, Hilfsbereitschaft, Achtsamkeit, Klarheit, Liebe.
In der Welt sehe ich oft, wie stark die individuellen Werte Gier und Macht regieren und die Auswirkungen davon sind unter anderem Ausbeutung von Menschen und Natur sowie Krieg und Zerstörung.

Zum Glück gibt es auch viele Menschen, die sich für Nachhaltigkeit und Frieden einsetzen.

Welche Weiterbildungen kannst du empfehlen, um sich mit dem Wertethema vertieft auseinanderzusetzen?

Werte sind etwas Abstraktes. Nachhaltigkeit steckt voller Werte. In konkreten Situationen und konkreten Projekten kann aufgezeigt werden, wie diese wirken.

Vorurteile, Klischees (Stereotypen) und Stigmata: Wir bewerten nach Kriterien (ob erlernt, geprägt oder über unser Umfeld). Was hilft deiner Meinung nach, dem Einzelnen sowie der Gesellschaft, um sich den Werten bewusst zu werden, Vorurteile abzubauen und offen zu sein für das Unbekannte, Ungewisse und Andere?

Ich stelle mir dazu grundsätzlich diese Fragen: Wie kann ich die guten Werte in die Gesellschaft reinbringen (Klarheit und Liebesqualität)? Was macht mich wirklich glücklich? Was ist es mir Wert? Die Gesellschaft kann ich nicht ändern, ich kann nur bei mir selbst beginnen.

«Der Wert von Werten: Spielerisch Werte vermitteln im Kindergarten und Unterstufe» (2017) von Yvonne Kägi und illustriert von Petra Hutter ist erhältlich beim Pro-Kiga-Lehrmittelverlag.

0.0 starsyıldızSterneétoilesestrellas (0)

Ähnliche Beiträge

Bildung versus Ausbildung

Bildung versus Ausbildung

Hitzesommer 2026 – die Erde rebelliert

Hitzesommer 2026 – die Erde rebelliert

Bildung versus Ausbildung

Bildung versus Ausbildung

Hitzesommer 2026 – die Erde rebelliert

Hitzesommer 2026 – die Erde rebelliert

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest

0 Kommentare
Älteste
Neueste Meistbewertet