Samstag, 22.08.2026
Der Lehrermangel im Kanton Bern ist spürbar, jede zehnte Lehrkraft unterrichtet ohne Diplom. Wenn das Volk am 27. September 2026 über die Bildungsinitiative abstimmt, stellt sich die grundsätzliche Frage: Braucht es ein verbindliches Bekenntnis in der Kantonsverfassung, oder schiesst die Vorlage am Ziel vorbei? Am Politpodium von UND Generationentandem trafen die Argumente aufeinander.
Die Schule steht unter Druck – das machten die Diskussionen zwischen Katharina Ali-Oesch (SP-Grossrätin), Samuel Bärtschi (Fachdidaktiker), Isabel Glauser (SVP), Samuel Krähenbühl (SVP-Grossrat) und Stefan Wittwer von Bildung Bern – der Lehrerverband, der die Initiative lancierte – rasch deutlich. Unter der Moderation von Elias Rüegsegger diskutierten die Beteiligten darüber, wie das bernische Bildungssystem auf ein stabiles Fundament gestellt werden kann.
Dass die Fronten nicht starr sind, zeigte ausgerechnet der Einstieg von Isabel Glauser: Sie sei vom Pro-Komitee angefragt worden, ob sie nicht für die Initiative werben wolle. «Ich dachte, das, was sie mir geschrieben haben, klingt super. Da stehe ich voll dahinter», erzählte sie auf dem Podium. Doch nach einer eigenen Analyse kam sie zu einem anderen Schluss: Es laufe bereits viel, und eine solche Bestimmung gehöre schlicht nicht in die Verfassung.
Im Zentrum der Vorlage stehen drei Grundsätze für die Kantonsverfassung:
Für die Befürworter:innen ist dieser Schritt überfällig. Katharina Ali-Oesch betonte, dass Bildung das Fundament von Gesellschaft, Wirtschaft und Demokratie ist und deshalb in das wichtigste Gesetz des Kantons gehört. Samuel Bärtschi ergänzte, dass man Bildung nicht dem Zufall überlassen darf: «Wir brauchen ausgebildete Pädagoginnen und Pädagogen, um die Lernenden im Dialog zu begleiten».
Die Gegenseite hielt dagegen, dass gute Absichten noch kein Gesetz rechtfertigen. Samuel Krähenbühl verglich den Vorstoss mit anderen Staatsaufgaben: «Man schreibt an anderen Orten auch nicht hinein, der Kanton solle qualitativ möglichst hochwertige Kantstrassen bauen». Zudem argumentierte er, dass die Budgets im Bildungsbereich bereits überproportional steigen und die Politik den Arbeitsmarkt nicht einfach ausbremsen kann. Stefan Wittwer von Bildung Bern konterte, dass die Initiative gerade dann wirke, wenn der Mangel vorbei ist – als dauerhaftes gesellschaftliches Versprechen an die Kinder.
Für Zündstoff sorgte die Vorgeschichte im Grossen Rat, wo die Initiative mit 85 zu 68 Stimmen abgelehnt wurde. Ein offizieller Gegenvorschlag scheiterte in der vorberatenden Kommission äusserst knapp mit einer einzigen Stimme Unterschied. Während die Linke bedauerte, dass kein Kompromiss möglich war, verwies die bürgerliche Seite auf bereits beschlossene Massnahmen wie Lohnerhöhungen von 1,7 Prozent für Lehrpersonen.
Dass der Berufsverband Bildung Bern für diesen Abstimmungskampf eine Aktionskasse von rund 400’000 Franken – grösstenteils aus der eigenen Kasse – einsetzt, zeigt, wie hart dieser politische Kampf geführt wird.
Dass der Schulalltag unter enormem Druck steht, bestritt auf dem Podium niemand. Stimmen aus dem Publikum machten deutlich, wie hart die Realität im Klassenzimmer geworden ist: Von Klassen mit 27 Kindern, in denen ein Dutzend Schüler:innen individuellen Förderbedarf haben, war da die Rede. Ergänzt durch Schilderungen überforderter Elternhäuser oder das Beispiel eines gebissenen Kindergartenkindes zeigte sich, wie stark Lehrkräfte heute gefordert sind.
Am Ende des Abends zeigte sich ein differenziertes Bild. Niemand leugnete die grossen Herausforderungen an den bernischen Schulen. Ob die Initiative am 27. September 2026 an der Urne Schiffbruch erleidet oder zum Kompass wird, entscheidet die Stimmbevölkerung.