Der einen Freud, der andern Ärgernis. Von einem Tier, dessen Fähigkeiten sich der Mensch seit Jahrtausenden zunutze macht, und einem Symbol für Frieden – zum Störenfried oder gar Hassobjekt. Was ist geschehen?
Mittwoch, 10.07.2024
Bereits vor Jahrtausenden fingen die alten Ägypter und Mesopotamier Felsentauben ein und domestizierten sie. Sie hielten und züchteten diese Haustauben als Lieferanten von Fleisch und Federn, setzten den nährstoffreichen Kot als Dünger ein und benutzten die Tiere als Lockvögel, um Greifvögel anzuziehen. Noch heute sind im Orient und auch in vielen Ländern Europas zum Teil schön verzierte Taubentürme zu finden. Diese Haustauben, alle heutigen Zuchttauben und somit auch die allgegenwärtigen Stadttauben, sind domestizierte Nachkommen der Felsentaube (Columba livia).
Diese nistet, wie ihr Name besagt, in felsigem Gelände, so auch die Stadttaube, die dafür auf Mauervorsprünge und Ähnliches angewiesen ist – ausser sie findet einen Taubenschlag. Es sind also keine Wildtauben wie unsere heimischen Türkentauben, Ringeltauben, Turteltauben und Hohltauben, welche auf Bäumen nisten und schlafen, und per Gesetz geschützt sind.
Rezepte für Taubenbraten finden sich in sehr vielen Ländern, auch bei uns. Die Tiere werden hier aber wohl eher ihrer Schönheit wegen als Rassetauben in zahlreichen Farbvariationen und für den Brieftaubensport gezüchtet. Als erste Schweizer Taubenrasse, schon im 16. Jahrhundert gezüchtet, gilt übrigens der Berner Gugger. Seit dem Altertum werden Tauben für die schnelle Nachrichtenübermittlung eingesetzt, sei es für militärische, wirtschaftliche Zwecke oder eben im international beliebten Brieftaubensport.
Möglich machen dies besondere Eigenarten und Fähigkeiten der Vögel: Sie sind intelligent, standorttreu und besitzen erstaunliche Orientierungs- und Merkfähigkeiten. Ihrem Partner bleiben sie meist lebenslang verbunden. Deshalb wollen sie auch, wenn sie woanders hin transportiert werden, möglichst rasch wieder zum Heimatschlag zurückfliegen.
Über ihre Orientierungsfähigkeit weiss man bis jetzt, dass sie wie die Zugvögel in verschiedenen Organen über den Stoff Magnetit verfügen, wodurch sie das Magnetfeld der Erde nutzen können. Zudem orientieren sie sich an der Sonne und in der Nähe des Heimatschlages an Landmarken wie Bäumen, Gebäuden, Hügeln. Woher sie wissen, wo sie sich befinden, wenn sie an einem unbekannten Ort fliegen gelassen werden, wird weiter erforscht.
Tauben sind äusserst sozial und betreuen ihren Nachwuchs liebevoll. Wie möglicherweise nur noch Flamingos und männliche Kaiserpinguine füttern beide Elternteile ihre Küken mit Kropfmilch, einer eiweiss- und fetthaltigen Flüssigkeit. Ihre Fähigkeit zur Gesichtserkennung steht jener von Künstlicher Intelligenz in nichts nach, und laut einer im deutschen Ärzteblatt publizierten Untersuchung gelingt es ihnen sogar mit einer hohen Treffsicherheit, Krebs zu erkennen.
Der verbreitete Brieftaubensport wie auch das beliebte Fliegenlassen sogenannter Hochzeitstauben bedeuten für die Tiere immer eine hohe Belastung. Für Wettflüge werden Brieftauben zum Teil über tausend Kilometer von ihrem Schlag entfernt aufgelassen. Trainiert werden sie mit der sogenannten «Witwermethode» oder «Nestmethode», indem man die Tiere immer wieder vom Partner trennt, um so ihre Sehnsucht hochzuhalten.
Obwohl sie bis zu 130 Kilometer pro Stunde fliegen können, kommen sie längst nicht immer ans Ziel; laut der Tierschutzorganisation PETA sterben in der Schweiz bei Wettflügen jährlich Tausende Tauben durch Verdursten, Erschöpfung, Verletzungen. Andere finden den Heimatschlag nicht mehr und stranden in den Städten. Eine Verlustrate von 50 bis 70 Prozent wird offenbar in Kauf genommen. Sogar wenn man anhand der Beringung ausfindig machen kann, wem die Taube gehört, bekommt man unter Umständen zu hören: «Die kann ich nicht mehr brauchen, drehen Sie ihr den Hals um!»
Vögeln, die die geforderten Leistungen nicht erbringen, droht dieses Los ohnehin, oft ohne Betäubung und tierschutzgesetzwidrig.
Den weissen Hochzeitstauben geht es nicht wirklich besser, wenn sie für den Anlass weit entfernt vom Heimatschlag fliegen gelassen werden. Werden ihnen dazu noch Federn an den Füssen oder als Krause um den Hals angezüchtet, um sie besonders hübsch zu machen, bedeutet das für die Tiere Einschränkungen: beim Laufen und dadurch für die Nahrungsaufnahme, aber auch für ihr Sichtfeld, das für Fluchttiere lebenswichtig ist. Nicht alle Hochzeitstauben überleben den schönsten Tag im Leben der Paare sicher und gesund.
Verirrte, geschwächte, gestrandete Brief- und Hochzeitstauben vergrössern unfreiwillig als weitere obdachlose Haustiere das Heer der wenig geliebten Stadttauben. Unkontrolliert vermehren diese sich «dank» des vom Menschen über Generationen angezüchteten Brutzwangs mit fünf bis sechs Gelegen zu zwei Eiern pro Jahr weiter (Wildtauben brüten zwei Mal pro Jahr). So konnten die Tiere unverschuldet in den Augen vieler zur Plage werden, zu «fliegenden Ratten», wie sie im Jargon der Schädlingsbekämpfung auch genannt werden.
Die Stadttauben sind nicht nur auf ein passives Dulden und Wohlwollen von uns Menschen angewiesen, sondern auf konkrete Unterstützung. In Thun erhalten sie diese zum Teil von Ruth Gerber, zumindest was das Futter betrifft. Seit Jahren füttert sie täglich auf eigene Kosten insgesamt rund 300 Tiere mit artgerechtem Futter; bei circa 20-40 g pro Tier ergibt das jährlich über 3000 Kilo. Auch wenn das Füttern durch Privatpersonen verboten ist, wird diese Aktion von der Stadt geduldet.
Irène Sprenger: Ruth, du setzt dich engagiert für die Tauben ein, wie ist es dazu gekommen?
Ruth Gerber: Vor einigen Jahren berichtete das Thuner Tagblatt, es gebe zu viele Tauben in der Stadt, und von der zuständigen Behörde sei nun der Abschuss von jährlich 200 Tieren beschlossen worden. Ein Beauftragter werde jeweils am frühen Morgen die kranken Tauben schiessen. Ich fragte mich, wie wohl die kranken Tiere zu erkennen seien; bei verletzten ist das eindeutiger. Daraufhin begann ich mich zu informieren, nahm mit der Stadt Kontakt auf und lernte auch ein bejahrtes Ehepaar aus Steffisburg kennen, das Tauben fütterte. Nachdem die beiden gestorben waren, übernahm ich diese Funktion und trat wieder in Kontakt zu den Behörden.
Früher hatte ich die Tauben nicht bewusst wahrgenommen; jetzt machte es mich aber betroffen, dass einfach so über sie verfügt werden kann.
Ruth Gerber
Lange Sitzungen mit dem zuständigen Gemeinderat, der Polizei, dem Tierschutz Thun und Pro Natura ergaben leider keine neue Sichtweise. Unterstützung erhielt ich dann vom Wildtierschutz Schweiz – und dies, obwohl es sich bei den Stadttauben um vernachlässigte Haustiere und nicht um Wildtiere handelt. Die Präsidentin sowie jemand vom Arbeitskreis Kirche und Tiere, der sich für einen achtsameren und gerechteren Umgang mit Tieren einsetzt, nahmen teilweise an den Sitzungen teil. Auch Tier im Recht und weitere Tierschutzorganisationen setzten sich bei der Stadt schriftlich für die Tiere ein. So entwickelte sich das langsam. Früher hatte ich die Tauben nicht bewusst wahrgenommen; jetzt machte es mich aber betroffen, dass einfach so über sie verfügt werden kann. Man kann sie umbringen, und niemanden kümmert es. Jedenfalls scheine ich damals als Einzige auf besagten Zeitungsartikel reagiert zu haben.
Für unsere Haustiere geben wir viel Geld aus, im Winter füttern wir die Vögel. Aber obwohl das Problem der Stadttauben menschengemacht ist, fühlen wir uns für sie nicht verantwortlich; sie haben noch Glück, wenn wir sie in Ruhe lassen. Diese Haltung schlägt sich auch im Tierschutzgesetz nieder. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) schreibt zur Nutztierhaltung: «Tauben sind soziale Tiere und müssen in Gruppen gehalten werden. Tauben werden als Hobbytiere (zum Beispiel Rassenzucht und Brieftaubensport) gehalten. Stadttauben leben im Freien und sind weltweit verbreitet…
Obwohl das Problem der Stadttauben menschen-gemacht ist, fühlen wir uns für sie nicht verantwortlich.
Ruth Sprenger
Tauben sind sehr anpassungsfähig, auch in der Schweiz haben sie sich erfolgreich als Stadttauben angesiedelt.» So lakonisch reduziert scheinen sie auch keinerlei Bedürfnisse zu haben, ganz im Gegensatz zu eben jenen, die noch als Haustiere in menschlicher Obhut leben. Ihre Bedürfnisse für Haltung und Pflege, Sozialkontakte, Ernährung, Badegelegenheiten und anderes werden in einer ausführlichen Liste beschrieben.
Haben die Tiere artgerechtes Futter und einen geschützten Ruheplatz, verbringen sie den grössten Teil ihrer Zeit dort. In den Städten irren sie nur für die Nahrungssuche umher. Dabei verletzen sie sich oft an Glassplittern, an Spikes auf Fenstersimsen oder durch Schnüre und menschliche Haare, die sich in ihren Füssen verheddern. Das viele Gehen auf Asphalt für die Futtersuche führt zudem oft zu verkrüppelten Füssen. Viele Stadttauben sind unterernährt, der lästige Schmierkot entsteht durch falsche Nahrung.
Da Abwehrmassnahmen wie Fütterungsverbote, Spikes als Landehindernisse, Einsätze on Falknern und das Abschiessen nirgends zu einer echten Verbesserung führten, erproben zunehmend mehr Städte neue Taubenkonzepte. Ziel ist eine kontrollierte gesunde Population.
Wie rasch und nachhaltig dies in Barcelona gelingt, wo riesige Schwärme höchstens für Touristen eine Attraktion sind, bleibt abzuwarten. Hier kann aus Spendern Futter entnommen werden, das ein Verhütungsmittel enthält; so soll mindestens die Vermehrung gebremst werden. Schon seit gut zwanzig Jahren hingegen bewährt sich das «Augsburger Stadttaubenkonzept», welches zunehmend Nachahmung in anderen Städten findet. Augsburg betreut zehn Taubenschläge und zwei Taubentürme, in denen zur Brutkontrolle die Eier durch Attrappen ersetzt werden können. Ein Film auf YouTube gibt Einblicke.
Vorurteile und Ablehnung beruhen sehr oft auf mangelndem Wissen; in der Masse das einzelne Individuum zu erkennen, ist auch nicht einfach.
Ruth Gerber
In Bern obliegt es dem Tierpark, die Population durch betreute Taubenschläge zu steuern. Dadurch liess sich die Anzahl von über 10’000 Tieren in den 1980er- und 1990er Jahren auf einen stabilen gesunden Bestand von heute rund 1500 Tauben reduzieren. Win-Win auf der ganzen Ebene. Für die jährliche Taubenzählung am 11. September kann man sich anmelden (siehe Endtext). Die Stadt Thun betreibt bislang zwei Taubenschläge, die für einen Teil der circa 500 Tiere reichen. Bis mehr Taubenschläge dazukommen oder gar ein Taubenturm, wird Ruth Gerber wohl weiterhin jeden Morgen die übrigen Tauben füttern gehen. Wer gerne mal dabei sein möchte, kann sich auch hierfür anmelden (siehe Endtext). Vorurteile und Ablehnung beruhen sehr oft auf mangelndem Wissen; in der Masse das einzelne Individuum zu erkennen ist auch nicht einfach. Zahlreiche Einzelpersonen und Organisationen engagieren sich deshalb, um durch konkrete Informationsarbeit Veränderungen und differenziertere Sichtweisen zu ermöglichen. Ihnen sei auch im Namen der Stadttauben gedankt.
Willst du bei einer Taubenzählung oder -fütterung dabei sein?
Anmeldung für die Taubenzählung am 11. September 2024: www.taubenzaehlung.tierparkbern.ch
Anmeldung für eine Fütterungs-Begleitung am 16. September oder 21. September 2024:
(Anmeldung bis: 14.9.2024)
Willst du noch mehr wissen?
www.stadttauben.ch
www.arbeitskreis-kirche-und-tiere.ch
www.tierimrecht.com
www.sentience.ch
www.peta-schweiz.ch
www.nationalgeographic.de («Ratten der Lüfte»)