Hausgemeinschaft 55plus der BGZ in Zürich-Seebach

Hausgemeinschaft 55plus der BGZ in Zürich-Seebach

Eine Fallstudie über den Aufbau von sozialem Kapital im Alter.

Titelbild: Baugenossenschaft Glattal Zürich (BGZ)

Wie können ältere Menschen möglichst lange selbständig wohnen und gleichzeitig auf ein tragfähiges soziales Umfeld zählen? Dieser Frage ging das UND Generationentandem bei einem Besuch der Hausgemeinschaft 55plus in Zürich-Seebach nach. Gastgeber war René Fuhrimann, Leiter des Fachbereichs Zusammenleben der Baugenossenschaft Glattal Zürich (BGZ), der den Aufbau des Projekts massgeblich mitentwickelt und begleitet hat.

Das Gebäude der Hausgemeinschaft 55plus.
Bild: Tom Ammann

Eine alternde Gesellschaft braucht neue Antworten

Die Schweiz steht vor tiefgreifenden demografischen Veränderungen. Die Zahl pensionierter und hochaltriger Menschen wächst stetig, während familiäre Unterstützungsnetze schwinden und Vorsorgesysteme und professionelle Pflege- und Betreuungsangebote zunehmend unter Druck geraten. Gleichzeitig wünschen sich die meisten Menschen, möglichst lange selbständig in ihrer vertrauten Umgebung wohnen und soziale Kontakte pflegen zu können. Ins Altersheim? Nein danke! Vor diesem Hintergrund gewinnen neue Wohn- und Nachbarschaftsformen an Bedeutung. Die Hausgemeinschaft 55plus der Baugenossenschaft Glattal Zürich (BGZ) in Zürich-Seebach zeigt einen möglichen Weg auf.

Die BGZ und die Hausgemeinschaft 55plus

Die 1942 gegründete Baugenossenschaft Glattal Zürich (BGZ) besitzt und bewirtschaftet Wohnsiedlungen in verschiedenen Zürcher Quartieren sowie in angrenzenden Gemeinden des Glattals. In der Siedlung «Am Katzenbach» im Zürcher Stadtquartier Seebach entstanden in jüngerer Zeit in fünf Etappen insgesamt 409 Wohnungen in 40 Mehrfamilienhäusern. Während die übrigen Häuser altersdurchmischt sind, richtet sich das Haus an der Katzenbachstrasse 20 an Menschen ab 55 Jahren mit Interesse an einer aktiven Nachbarschaft. So entstand die Hausgemeinschaft 55plus. Dort wohnen Menschen ab 55 Jahren in ihren eigenen Wohnungen und verfügen gleichzeitig über Gemeinschaftsräume, Treffpunkte und eine bewusst geförderte Nachbarschaftskultur.

Die Rolle von René Fuhrimann

Die Hausgemeinschaft entstand nicht zufällig. René Fuhrimann und sein Team investierten über Jahre hinweg Zeit in Konzeption, Moderation, Vernetzung und Begleitung – immer jedoch mit dem Ziel, sich irgendwann wieder zurückziehen und die weitere Entwicklung der Hausgemeinschaft sich selbst überlassen zu können. So organisiert René Fuhrimann zwar Kennenlern-Anlässe, moderiert Gruppenprozesse und Konfliktbewältigungen, begleitet neue Bewohnende und unterstützt bei der Selbstorganisation. Er überträgt diese Aufgaben aber zunehmend an die Gemeinschaft. Gemeinschaft soll eben nicht von «oben diktiert» werden, sondern von «innen heraus» wachsen.

Doch wie baut man so eine Hausgemeinschaft auf, damit sie dann auch funktioniert, damit die Nachbarschaft tatsächlich lebendig wird? René Fuhrimann zählt eine Reihe wichtiger Grundsätze und Massnahmen auf:

  • ein durchdachtes Konzept
  • eine professionelle Umsetzung und Begleitung
  • ein gezieltes Auswahlverfahren bei der Vermietung
  • ein ausgewogener BewohnerInnen-Mix
  • Besuch einer bereits existierenden SeniorInnen-Hausgemeinschaft
  • eine auf Freiwilligkeit beruhende Gemeinschaft
  • die monatlichen Haussitzungen sowie gelegentliche «Boxenstopps»
  • eine Konflikt- bzw. Problemlösungskultur
  • Einbettung in die Siedlung und das Quartier
  • Und: der Aufbau von Sozialkapital

Zu einigen dieser Erfolgsfaktoren äussert sich René Fuhrimann im Detail…

Sorgfältige Auswahl der künftigen Mietenden

Die BGZ betrachtet die Vergabe einer Wohnung in der Hausgemeinschaft 55plus an «passende Personen» als wichtigen Baustein für das spätere erfolgreiche Zusammenleben. Vor dem Erstbezug führte die BGZ einen mehrstufigen Bewohnerfindungsprozess mit Informations- und Austauschveranstaltungen durch. Die Interessierten setzten sich dabei mit ihren Vorstellungen von Nachbarschaft und Gemeinschaft auseinander. Anschliessend prüfte die BGZ die Bewerbungen anhand definierter Kriterien.

Eignungs-Check gemeinschaftliches Wohnen

Soll eine Siedlung oder ein Mehrfamilienhaus gemeinschaftlich organisiert werden, empfiehlt es sich, die Auswahl der künftigen MieterInnen nicht dem Zufall zu überlassen. Die meisten Anbieter solcher Wohnformen prüfen die KandidatInnen im Rahmen von Interviews, von Workshops oder – wie die BGZ – im Rahmen von Informations- und Austauschveranstaltungen. Die Auswahl bzw. die Entscheidung erfolgt dann aufgrund definierter Kriterien wie: Gemeinschaftsmotivation, Beteiligungsbereitschaft, Kompromissfähigkeit, Aushalten von Unterschieden, Konfliktfähigkeit, Verlässlichkeit, Offenheit / Toleranz, Kommunikationsfähigkeit, Selbständigkeit, realistische Erwartungen.

Nach den Erfahrungen von René Fuhrimann braucht eine funktionierende Hausgemeinschaft zudem einen ausgewogenen Bewohnendenmix: Sowohl aktive als auch zurückhaltendere Menschen, jüngere wie ältere SeniorInnen sowie Personen mit unterschiedlichen Stärken und Bedürfnissen.

Der vergleichsweise hohe Aufwand lohnt sich. René Fuhrimann ist überzeugt, dass eine sorgfältige Auswahl viele spätere Konflikte verhindert und wesentlich dazu beiträgt, dass Vertrauen, gegenseitige Unterstützung und eine tragfähige Nachbarschaft entstehen können.

Lernen von anderen: Der Besuch bei der ABZ und der Grundsatz der Freiwilligkeit

Die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner sollten nicht nur theoretisch über Gemeinschaft sprechen, sondern erleben, wie gemeinschaftliches Wohnen im Alltag funktioniert. Ein prägender Schritt für den Aufbau der Hausgemeinschaft war der Besuch einer bereits bestehenden Hausgemeinschaft der ABZ (Allgemeine Baugenossenschaft Zürich). Für die Besucher besonders aufschlussreich waren die detaillierten Regelwerke und Verpflichtungen in der ABZ-Hausgemeinschaft. So müssen die Bewohnerinnen und Bewohner beispielsweise eine bestimmte Anzahl Stunden Gemeinschaftsarbeit leisten. Dies führte unter anderem dazu, dass neue Bewohner schon beim Einzug Unterstützung beim Einräumen von ihren Nachbarn einforderten.

Aufgrund ihrer Beobachtungen entschied sich die Seebacher Hausgemeinschaft bewusst gegen verpflichtende Hilfeleistungen. René Fuhrimann beschreibt diesen Moment als wichtigen Wendepunkt: Unterstützung soll im Rahmen freundschaftlicher Beziehungen von selbst entstehen und nicht erzwungen werden. So entstand in der Hausgemeinschaft 55plus der BGZ eine Freiwilligen-Kultur anstelle eines Systems gegenseitiger Verpflichtungen.

Die Haussitzung und der «Boxenstopp»

Im Zentrum des Gemeinschaftslebens stehen die monatlichen Haussitzungen. Hier werden Aktivitäten geplant, Informationen ausgetauscht, Probleme besprochen und neue Ideen entwickelt. Aus diesen Haussitzungen entstanden zahlreiche Arbeitsgruppen und Aktivitäten wie Boccia, Adventskranzbinden, Ausflüge, Kulturanlässe, Raclette- und Fondueabende.

Gelegentlich begleitet René Fuhrimann die Hausgemeinschaft bei einem «Boxenstopp». Dabei führt er gemeinsam mit der Gruppe eine Standortbestimmung durch: Wie läuft das Zusammenleben? Welche Herausforderungen bestehen? Was funktioniert gut? Wo braucht es Anpassungen?

Der Boxenstopp dient nicht der Kontrolle, sondern der Reflexion. Er ermöglicht es der Gruppe, ihr eigenes Zusammenleben bewusst wahrzunehmen und weiterzuentwickeln. Gerade in den ersten Jahren nach dem Bezug erwies sich dieses Instrument als wertvoll, um Unsicherheiten anzusprechen und die Selbstorganisation zu stärken.

Der gemütlich eingerichtete Gemeinschaftsraum.
Bild: Tom Ammann

Einbettung in die Siedlung und das Quartier

Die Hausgemeinschaft ist in die Siedlung Am Katzenbach und deren bestehende Nachbarschaftsnetzwerke eingebettet. Der Fachbereich Zusammenleben unterstützt die Hausgemeinschaft beim Aufbau und vermittelt Informationen, Beratung sowie Dienstleistungen rund um das Alter. Professionelle Pflege- und Betreuungsleistungen werden bei Bedarf individuell organisiert. Die Hausgemeinschaft kann diese Angebote ergänzen, aber nicht ersetzen.

Sozialkapital als eigentliche Innovation

Je länger sich René Fuhrimann mit der Hausgemeinschaft 55plus beschäftigte, desto deutlicher wurde: Die eigentliche Innovation besteht nicht in den Gemeinschaftsräumen, im Bewohnenden-Mix oder den gemeinsamen Aktivitäten, sondern im Aufbau von Sozialkapital (siehe Infokasten). Die Hausgemeinschaft schafft bewusst Gelegenheiten, damit dieses Sozialkapital entstehen kann. Bewohnerinnen und Bewohner lernen einander kennen, verbringen Zeit miteinander, übernehmen Aufgaben und Verantwortung und sammeln gemeinsame Erfahrungen. Daraus entsteht ein gegenseitiges Vertrauen, das sich später in konkreter Unterstützung äussern kann – sei es durch kleine Unterstützungen im Alltag, längerfristige Nachbarschaftshilfe, Informationsaustausch oder einfach durch das Wissen, dass jemand da ist, wenn es einem nicht gut geht.

Was ist Sozialkapital?

Sozialkapital umfasst Beziehungen, Vertrauen und gegenseitige Unterstützung, auf die Menschen im Alltag zurückgreifen können. In Siedlungen und Häusern entsteht es, wenn Nachbarinnen und Nachbarn einander kennen, miteinander Zeit verbringen, sich austauschen und füreinander da sind. Wie finanzielles Kapital auf einem Sparkonto wächst Sozialkapital durch viele kleine Investitionen – durch Begegnungen, gemeinsame Aktivitäten, kleinere und grössere Unterstützungsleistungen, kurz, durch gelebte Nachbarschaft.

Zum Sozialkapital gehört aber auch die Fähigkeit, mit unterschiedlichen Erwartungen und Konflikten umzugehen und sie auszuhalten. Wo Menschen zusammenleben, entstehen in der Regel auch Spannungen. Die Hausgemeinschaft verfügt deshalb über verschiedene Gefässe, um Spannungen frühzeitig anzusprechen: die monatlichen Haussitzungen, die gelegentlichen Boxenstopps sowie die Möglichkeit, bei Bedarf auf professionelle Moderation zurückzugreifen.

René Fuhrimann ist überzeugt, dass sich soziale Beziehungen nicht erst dann aufbauen lassen, wenn Unterstützung benötigt wird. Sie müssen über Jahre hinweg wachsen. Genau dies scheint die Hausgemeinschaft 55plus der BGZ aktuell erfolgreich zu tun: Die Bewohnenden sind im Austausch und kennen sich, und sie entwickeln eine Kultur gegenseitiger Aufmerksamkeit. Hilfe entsteht dadurch oft spontan: Jemand trägt den Abfall hinunter, schaut nach einer Nachbarin, leiht Werkzeug aus oder lädt auf einen Kaffee ein. Gleichzeitig zeigt die Praxis auch Herausforderungen. Aktive Personen wünschen sich teilweise mehr Engagement von anderen. Unterschiedliche Erwartungen müssen immer wieder ausgehandelt werden. Die Gemeinschaft bleibt deshalb ein lebendiger Lernprozess.

Fazit: Ein Modell mit Zukunft

Die Hausgemeinschaft 55plus der BGZ scheint zu funktionieren. Vor allem aber lehrt sie, dass soziale Beziehungen nicht erst dann entstehen dürfen, wenn Unterstützung benötigt wird. Sie müssen frühzeitig aufgebaut und gepflegt werden. Der essentielle gesellschaftliche Beitrag des Projekts liegt daher nicht in den einzelnen Dienstleistungen, sondern im Aufzeigen der Bedeutung von Sozialkapital: Menschen lernen sich kennen, entwickeln Vertrauen und schaffen ein Umfeld, in dem gegenseitige Unterstützung zur Selbstverständlichkeit werden kann.

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, zunehmender Einsamkeit, steigender Gesundheitskosten und eines wachsenden Fachkräftemangels in Pflege und Betreuung besitzt dieses Modell daher eine hohe gesellschaftliche Relevanz. Hausgemeinschaften wie jene an der Katzenbachstrasse können und wollen professionelle Angebote nicht ersetzen, aber sie können sozialer Isolation entgegenwirken, das selbständige Wohnen unterstützen und Ressourcen der Nachbarschaft aktivieren – womit sie einen Beitrag zur Bewältigung einer der grössten Herausforderungen leisten können, vor denen die Schweiz in den kommenden Jahrzehnten steht: die alternde Gesellschaft.

Wo liegen die Grenzen der Hausgemeinschaft 55plus? Ein Praxisbeispiel.

Eine Bewohnerin der Hausgemeinschaft lebte bereits mit gesundheitlichen Einschränkungen und bezog Unterstützung durch die Spitex. Gleichzeitig profitierte sie von den sozialen Kontakten im Haus: Nachbarinnen und Nachbarn fragten nach ihrem Befinden, unterstützten sie bei kleinen Alltagshilfen und ermöglichten ihr die weitere Teilnahme am Gemeinschaftsleben. Als sich ihr Gesundheitszustand jedoch deutlich verschlechterte, reichten die punktuellen Einsätze der Spitex und die freiwillige Unterstützung aus der Nachbarschaft nicht mehr aus. Entscheidend ist, ob die Versorgung zu Hause weiterhin sicher und tragfähig organisiert werden kann – insbesondere dann, wenn eine dauernde Betreuung oder Überwachung notwendig wird. Das Beispiel zeigt, dass die Hausgemeinschaft professionelle Pflege nicht ersetzt, wohl aber dazu beitragen kann, Selbständigkeit, Lebensqualität und soziale Teilhabe möglichst lange zu erhalten.

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