Wer pflegt morgen unsere Grosseltern, und wer schützt unsere Grenzen? Die Revision des Zivildienstgesetzes zwingt zu einer Priorisierung: Stärkere Armee auf Kosten des Sozialwesens? Am Politpodium vom Mittwoch, 13. Mai 2026 sprachen wir mit vier Expert:innen darüber, was die Vorlage konkret bedeutet.
Donnerstag, 14.05.2026
Er ist gesetzlich der Ersatzdienst: die zweite Wahl für alle, die den Militärdienst aus Gewissensgründen nicht leisten können. Doch in der Praxis leistet er heute einen wichtigen Beitrag dort, wo Personal fehlt: in der Pflege, in Schulen und im Naturschutz. Am 14. Juni stimmt die Schweiz über eine Revision ab. Die Befürworter:innen wollen damit den Personalbestand der Armee sichern. Die Gegner:innen befürchten, dass gerade dort Lücken entstehen, wo der Zivildienst heute unterstützend wirkt.
Im Rahmen des Politpodiums «Zivildienst auf dem Prüfstand: Schikane oder nötige Reform?» diskutierten wir mit vier Expert:innen darüber, was diese Revision konkret bedeutet – für die Armee, für die Zivildienstleistenden und für die Gesellschaft.
Bei der Revision des Zivildienstgesetzes geht es nicht um eine komplette Abschaffung – zumindest offiziell nicht. Es geht um sechs konkrete Massnahmen, die den Wechsel vom Militär zum Zivildienst unattraktiver machen sollen.
Viele Dinge, die wir als «Sicherheitsfrage» wahrnehmen, hängen am Ende an der Definition von Sicherheit selbst. Und viele Dinge, die wir als «Sozialthema» diskutieren, werden durch diese Vorlage zur Sicherheitsfrage umgedeutet.
Bund (Armee)
Regelt die Landesverteidigung und die militärische Abschreckung.
Beispiele: Bestand an Soldaten, Materialbeschaffung, Schutz der Grenzen, Cyberabwehr.
Argument der Befürworter:innen: In unsicheren geopolitischen Zeiten braucht es eine starke Armee als «Brandversicherung».
Zivildienst (Gesellschaft)
Leistet Ersatzdienst in Bereichen, die für das Funktionieren des Landes essenziell sind.
Beispiele: Pflege in Altersheimen, Unterstützung in Schulen, Naturschutz, Kulturgüterschutz.
Argument der Gegner:innen: Der Zivildienst ist kein «bequemerer» Weg, sondern ein unverzichtbarer Pfeiler der sozialen Sicherheit.
Wichtig: Die Armee schützt nach aussen. Der Zivildienst stützt nach innen. Die Vorlage versucht, Personal von innen nach aussen zu verschieben.
Am Politpodium von UND Generationentandem wurden die unterschiedlichen Positionen klar sichtbar.
Auf der einen Seite Thomas Rothacher (FDP), Physiker und stellvertretender Rüstungschef bei armasuisse, und Angel Okaside (SVP), Offizier und Parteivizepräsident der SVP Kanton Bern.
Für sie ist die Lage klar: Die geopolitischen Spannungen nehmen zu, Europa rüstet auf, und die Schweiz dürfe nicht als Sicherheitsrisiko gelten. «Niemand kündigt seine Brandversicherung, wenn es nebenan brennt», argumentierte Thomas Rothacher. Der Zivildienst sei eine Ausnahme für echte Gewissenskonflikte, keine Alternative. Angel Okaside betonte die Notwendigkeit, gut ausgebildete Kader in der Armee zu halten. Für ihn ist es eine Frage der Fairness gegenüber denen, die den Militärdienst leisten.
Auf der anderen Seite Magdalena Erni (Junge Grüne Schweiz) und Luca Dahinden (CIVIVA).
Sie sehen in der Vorlage eine «Salamitaktik» zur schleichenden Abschaffung des Zivildienstes. «Es ist verwerflich, Leuten mit einem Gewissenskonflikt weitere Schikanen in den Weg zu legen», so Magdalena Erni. Luca Dahinden unterstrich die gesellschaftliche Relevanz mit Zahlen: Der Bundesrat rechnet selbst mit 40 Prozent weniger Zulassungen.
Das fehlende Personal werde in der Pflege, in Schulen und im Naturschutz fehlen. «Es ist eine Lose-Lose-Situation», so Luca Dahinden. Die Armee gewinne keine motivierten Soldaten, da Wechselwillige allenfalls unmotiviert blieben oder sich medizinisch ausmustern liessen.
Die Debatte drehte sich oft um abstrakte Bestandszahlen. Doch was bedeutet das konkret für uns?
Pflege und Gesundheit
Ob deine Grosseltern im Altersheim jemanden haben, der mit ihnen spazieren geht, oder ob im Spital Personal für die Grundbetreuung fehlt: Das hängt auch vom Zivildienst ab. Zivildienstleistende übernehmen Aufgaben, die das reguläre Personal zeitlich nicht schafft. Wenn hier 40 Prozent wegfallen, bricht nicht alles zusammen – aber die Belastung für das bestehende Personal steigt massiv.
Schule und Bildung
Lehrpersonen sind am Limit. Zivildienstleistende unterstützen in Klassen, begleiten Schulreisen oder betreuen Kinder mit Förderbedarf. Eine Studie zeigt: Wo Zivis fehlen, müssen Lehrpersonen Aufgaben streichen oder sind administrativ überlastet. Der Kanton und die Gemeinden sparen hier oft am falschen Ort, wenn der Zivildienst geschwächt wird.
Naturschutz und Umwelt
Wer entfernt invasive Pflanzen (Neophyten) an Flussufern? Wer pflegt Alpweiden und sorgt dafür, dass die Landschaft nicht verwildert? Oft sind es Zivildienstleistende. Diese Arbeit wird nicht vom Markt übernommen. Fehlen diese Hände, leiden Biodiversität und Hochwasserschutz.
Sicherheit und internationale Glaubwürdigkeit
Befürworter:innen argumentieren, nur eine starke Armee garantiere Sicherheit und die Souveränität der Schweiz. Thomas Rothacher warnte davor, dass die Schweiz im internationalen Vergleich zunehmend als «Sicherheitsrisiko» wahrgenommen werde, wenn sie ihre Bestände nicht halte. «Niemand kündigt seine Brandversicherung, wenn es nebenan brennt», so sein Appell für eine glaubwürdige Abschreckung. Die Gegner:innen entgegnen: Sicherheit bedeutet heute mehr als nur militärische Grenzen. Sie umfasst auch die Resilienz gegen Klimakatastrophen und ein funktionierendes Gesundheitswesen. «Die realistischsten Bedrohungen sind keine Panzer am Rhein, sondern der Pflegenotstand und die Klimakrise», so Magdalena Erni.
Fairness und Gewissenskonflikt
Ist es fair, den Dienst zu erschweren? Für die Befürworter:innen ja, weil der Zivildienst oft als «bequemer» wahrgenommen werde. Für die Gegner:innen nein, weil ein Gewissenskonflikt nicht planbar ist und Hürden wie 150 Mindesttage junge Menschen faktisch ausschliessen oder diskriminieren.
Neben Gesetzen entscheidet die Politik vor allem über Ressourcen. Und das ist oft der Punkt, an dem politische Ziele Realität werden oder eben nicht. Der Zivildienst stellt jährlich ein grosses Kontingent an Arbeitskraft für gemeinnützige Aufgaben bereit.
Dabei geht es den Befürworter:innen der Vorlage nicht darum, den Zivildienst als solchen abzuschaffen. Auch sie erkennen seinen Wert an. Doch in der aktuellen geopolitischen Lage sehen sie eine klare Priorität: Es sei momentan wichtiger, dass jemand die Landesgrenzen verteidigt, als dass jemand Neophyten ausreisst. Es ist eine Frage der Ressourcenverteilung in Krisenzeiten.
Wer dieses Personalkontingent kürzt – der Bundesrat rechnet mit 40 Prozent weniger Zulassungen –, entscheidet damit nicht nur, ob «irgendwo gespart» wird, sondern wo die Schwerpunkte liegen: Bei der militärischen Abschreckung oder bei der sozialen Resilienz?
Die Revision des Zivildienstgesetzes ist nicht die politische Vorlage mit den grössten Schlagzeilen, insbesondere weil am 14. Juni 2026 auch über die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» abgestimmt wird. Aber sie ist eine Vorlage, die eine grosse Auswirkunge auf das hat, was wir täglich erleben: Pflege, Schule, Umwelt, Sicherheit.
Oder wie es eine Teilnehmerin beim Apéro nach der Diskussion gesagt hat: Es geht nicht darum, ob wir Armee oder Zivildienst wollen. Es geht darum, was uns als Gesellschaft mehr wert ist und welches Sicherheitsverständnis wir in die Zukunft tragen.
Darum lohnt es sich, auch diese Abstimmung ernst zu nehmen.