Ein Hoch auf die Eisenbahn

Ein Hoch auf die Eisenbahn

Dieser Artikel beruht auf einem Podiumsgespräch, das zwei Kenner und Liebhaber des Eisenbahn-Fahrens im Polit-Forum Bern am 12. Mai 2026 geführt haben: Jaroslav Rudiš und Benedikt Weibel. Mit Anmerkungen aus der UND-Redaktion.

Zwei Herren aus ganz unterschiedlichen Ecken sassen sich im Berner Käfigturm gegenüber: Jaroslav Rudiš (53), gegenwärtig Dürrenmatt-Gastprofessor der Uni Bern, tschechischer Schriftsteller, und Benedikt Weibel (79), langjähriger Direktor der SBB, auch Verwaltungsrat der österreichischen Westbahn.

Ein Zug der SBB.
Bild: unsplash

Auf ganz eigenen Wegen waren die beiden dazu gekommen: J. Rudiš erträumte sich eine Karriere bei der Bahn, da diese in seiner Familie eine zentrale Rolle spielte; er hätte gern in einem Bahnhof gewohnt. Seine Brille jedoch verhinderte, dass er Lok-Führer werden konnte. Er «musste» aufs Gymnasium, dann studieren. Doch die Liebe zur Bahn und dem Reisen begleitete ihn stets. Zu diesem Thema hat er mehrere Bücher verfasst – auch auf Deutsch.

Benedikt Weibel hingegen rutschte zufällig in den Bereich hinein. Nach langer Studienzeit (Betriebswirtschaft) suchte er eine Anstellung und landete überraschend bei der SBB, wo er eine lange Karriere hinlegen sollte.

Heinz Gfeller: Zur Bahn gekommen bin ich nicht zuletzt dank den ungeliebten Familienausflügen – im Auto. Hingegen hat mich die Märklin-Modelleisenbahn kaum motiviert, die ich bekam, die aber vor allem meinen Vater interessierte.

Rebekka Flotron: Ich fuhr schon immer gerne Zug; die Juniorkarte führte dazu, dass wir als Familie viel damit unterwegs waren. Heute geniesse ich das weite Reisen im Zug aus zwei Gründen: Erstens wegen der Zeitnutzung – ich kann lesen, arbeiten und die Natur bewundern, während ich von A nach B reise. Zweitens finde ich die Herausforderung spannend zu überlegen: Wo möchte ich hin (auch im Ausland) und wie komme ich dorthin – mit dem Zug? Und, das erfuhr ich aber erst vor ein paar Jahren: mein Grosi und mein Urgrosi waren Barrierewärterinnen.

Länder – Linien – Orte

Weibel betont die Bedeutung der Bahn – besonders in der Schweiz, aber auch in Tschechien. Beides eher kleine Länder, die ein dichtes Netz ermöglichen. Die sich vom grossen Nachbarn Deutschland abheben, der sich mit seinen Bahnen schwer tut. Das Bahnland Schweiz ist dadurch geprägt, dass es keine Autoindustrie besitzt; auch keine Kohle: Darum wurde früh elektrifiziert. Da sieht Weibel einen Unterschied zu Tschechien: den Geruch des Dampfes, damals. Mitteleuropa steht in der Tradition des alten Kaiserreichs mit dem Zentrum Wien, wohin alle Linien führten. Es gab da einen dramatischen Einschnitt: mit dem Fall des Eisernen Vorhangs, der die Spaltung Europas aufhob.

Weibel und Rudiš sind weit herumgekommen. Doch sie können Lieblingsstrecken nennen: Letzterer die grosse K+K-Linie Prag–Wien–Triest; daneben die Strecke von Prag in seinen Heimatort, die mit vielen Erinnerungen verbunden ist. Weibel rühmt die Entlebuch-Emmental-Linie und besonders die MOB von Zweisimmen nach Montreux. Es werden aber auch Orte genannt, an denen man gerne verweilt: Rudiš in Linz (mit dem Leberkäs im Buffet) oder St. Gallen (mit Cordon bleu). Weibel bedauert, dass das Bahnhofbuffet Olten geschlossen ist.

Bahnhof mit Sonnenuntergang
Bild: unsplash

Heinz Gfeller: Bahnhöfe, und Buffets sind besonders! Wer erinnert sich an das grosszügige, ausgemalte in Basel?

Rebekka Flotron: Ich versuche meistens so zu planen, dass ich möglichst lange im Zug sitze und möglichst wenig Zeit in Bahnhöfen verbringe. Ich fahre Zug, um meine Ruhe zu haben; Bahnhöfe sind bekanntlich das Gegenteil von Ruhe. Meine liebste «normale» Strecke in der Schweiz war lange die Aare-Linth-Strecke von Bern nach Chur. Vor ein paar Wochen musste ich über Aarau nach Zürich reisen, und ich glaube: Das ist meine neue Lieblingsstrecke. Die Fahrt entlang der Limmat – einfach schön.

Ein Erfolgsmodell

Vor genau 200 Jahren wurde die erste Bahnstrecke eröffnet. Keine andere Neuerung, sagt Weibel, habe die Wirkung dieser Erfindung übertroffen. Aus seinem reichen historischen Wissen hebt er die Zeit des «Waldsterbens» in den 80er-Jahren hervor. Damals drängte die Politik – obwohl die SBB als Pleitegeier galt – auf die Stärkung des Schienenverkehrs; dazu mussten aber erträgliche Preise angeboten werden. Ein Halbtax-Abonnement für 100 Franken. Plötzlich besass ein Drittel der Bevölkerung ein Vielfahrer-Abo.

Heinz Gfeller: Ein General-Abonnement ist eine teure Sache, wird auch immer noch teurer. Doch solche Möglichkeiten sollte man unbedingt stützen! (Ich erspare mir auch viel Ärger mit elektronischen Tickets.)

Rebekka Flotron: Ich kann auf vieles verzichten, aber nicht auf mein GA. Mein GA ermutigt mich, viel mehr zu unternehmen: Zugfahrten, aber auch Wanderungen oder Velofahrten in anderen Teilen der Schweiz. In meinem Kopf ist das dann gratis …

Nach dem 2. Weltkrieg war das Auto im Kommen. Doch gewisse Länder – vorab Japan – setzten auch den Fortschritt bei Bahnen in Gang. Heute zeigt dieser eindrückliche Bilder, etwa in China; für Japan gibt es keine Alternative mehr. Die Tschechen schimpfen über die Bahn, aber fahren viel. «Die Bahn ist das Transportmittel der Zukunft», ist Weibel überzeugt. Beide Gesprächspartner stimmen das Loblied auf die Bahn an – die, abgesehen vom Fussverkehr, die grösste Dichte an bewegten Menschen gestattet.

«Eisenbahn-Yoga»

Man streitet ein bisschen darüber, wie die intensivsten Reiseerlebnisse zu haben sind. Aber Zeit im Zug ist gewonnene Zeit. Man kann denken; lernt sich zu konzentrieren. Für beide Herren war und ist der Zug nämlich auch ein Arbeitsort. Dort lesen sie – über seine Lektüren hat. Weibel in einem Buch berichtet. Er habe so viel gelesen, weil er Zug fährt. Rudiš schreibt an seinen Büchern, auf dem Computer, aber auch im Notizbuch, welches er vorzeigt: Zeichnungen, Schemata zu den Personen inbegriffen. In jedem seiner Bücher muss die Eisenbahn vorkommen. Um länger dran bleiben zu können, zieht er öfters einen Umweg vor; ja, er freut sich über Verspätungen, während er am neuen Roman sitzt. Zugfahren rege die Fantasie an. Übrigens empfiehlt er sogar Kursbücher («sind Weltliteratur») oder einen alten Baedeker-Reiseführer zur Lektüre.

Was ist mit anderen Passagieren? Mit diesem «Durchschnitt der Bevölkerung», der sich da zusammenfindet – im Gegensatz zu früher, meint Weibel. Wer sich zu konzentrieren versteht, den stören sie kaum mehr. Natürlich nerven gewisse Unsitten, die aufgekommen sind: lautes Telefonieren, Medien anhören. Rudiš amüsiert sich auch: Er benutzt Kopfhörer; aber oft hört er auch gerne zu. Was Leute alles preisgeben, zum Beispiel grosse Geldgeschäfte! Es gibt auch schöne Begegnungen. Mit dem Kellner im Speisewagen – diese Einrichtung ver schwindet leider –, der Filme dreht. Mit dem Mönch, für dessen falsches Billett man aufkommt – und dafür seinen Segen erhält.

Erste Klasse in einem SBB Zug.
Bild: unsplash

Rebekka Flotron: Ich hätte nichts dagegen, wenn die 1. Klasse abgeschafft würde. Aber ich gebe zu: Wenn ich am Bahnhof eine Menschenmenge sehe und weiss, dass ich mir den Platz in der 2. Klasse mit allen teilen muss, kaufe ich mir manchmal einen Klassenwechsel. Einfach, um etwas mehr Ruhe zu haben – und damit es für die anderen in der 2. Klasse weniger eng wird.

Zwei «Eisenbahn-Menschen» haben dem Publikum eine vergnügliche, aber auch Mut machende Stunde beschert.

Stefan Zweig fasst in «Der versiegelte Zug» aus dem Buch Sternstunden der Menschheit eine der berühmtesten Zugfahrten zusammen: die von Lenin aus der Schweiz nach Petersburg und zur Revolution 1917.

Der grosse italienische Autor Italo Svevo schildert in seiner Erzählung «Kurze sentimentale Reise» (1928) die eine Zugfahrt von Mailand nach Triest, welche ein alternder Herr mit zu viel Bargeld auf sich absolviert.

Ganz aus dem Erleben und Bewusstsein der Hauptperson erzählt. Psychologisch schürfend und humoristisch – brillant.

Jaroslav Rudiš liefert in Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen (2021) eine literarische Hommage an die Schiene. Der Autor, dessen Grossvater Weichensteller war, nimmt die Leser:innen mit auf eine Reise durch ganz Europa – von Berlin zum Gotthardtunnel, von Sizilien nach Lappland, und nachts durch Polen und die Ukraine. Er feiert die Kunst des langsamen Reisens. Er erzählt von zufälligen Begegnungen im Abteil, der spezifischen Ästhetik verfallener Bahnhöfe und der überraschenden Produktivität während Verspätungen. Jaroslav Rudiš zeigt, dass die Bahn nicht nur ein Transportmittel ist, sondern ein Raum der Freiheit und Reflexion, in dem der Umweg oft das eigentliche Ziel wird. Ein unterhaltsames, detailreiches Buch – und die beste Motivation, um beim nächsten Umweg nicht an die Verspätung, sondern an die gewonnene Zeit zu denken.

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