Donnerstag, 2.04.2026
Der Begriff «Geschwisterkinder» war vielen neu, doch die Botschaft am Generationentalk traf ins Herz: Zwei Frauen berichteten eindrücklich vom Aufwachsen mit einem behinderten Geschwister. Trotz unterschiedlicher Prägungen – von Überforderung bis zur Selbstverständlichkeit – eint sie die Beistandschaft als Herzenssache und die Forderung, Menschen mit Einschränkungen mehr zuzutrauen.
Bisher war mir in meinem doch schon fast 80-jährigen Leben der Ausdruck «Geschwisterkinder» noch nie begegnet. Zuerst nahm ich an, das seien Nichten und Neffen oder vielleicht Cousinen. Ich glaube, dass es vielen so ergeht. Am Generationentalk haben die zahlreich erschienenen Besucherinnen und Besucher nun Einblick erhalten, was es heisst, mit einem Geschwister mit Behinderung aufzuwachsen und zu leben.
Die beiden Betroffenen, Kathrin Häberli und Rebekka Flotron, hatten die Wahrnehmung ihrer besonderen Familiensituation unterschiedlich erlebt. Katrin war siebenjährig, als ihr Bruder Jürg mit Trisomie 21 geboren wurde. Und dieses Ereignis schüttelte das Familienleben vorerst ziemlich durcheinander. Rebekka kam elf Jahre nach ihrer Schwester Mirjam zur Welt, in eine gegebene und für sie «normale» Situation.
Mehrmals spricht Kathrin den Satz aus: «Es war eine andere Zeit». Sie fühlten sich überfordert. Ihre jüngere Schwester wurde zu ihrer Patin weggegeben, sie selbst war oft sich selbst überlassen. Einmal pro Monat erschien eine Fachperson. Das war zwar hilfreich, aber halt zu wenig.
Die Unterstützung in solchen Situationen hat sich verbessert. Rebekka weist auf die gute Vernetzung hin. Allerdings seien Fachpersonen manchmal etwas «ungspürig» oder sogar leicht übergriffig. Punkto Bewegungsfreiheit hat sie kaum Einschränkungen erlebt. Auto, Schlitten, Velo – alles auf die Bedürfnisse ihrer Schwester zugeschnitten!
Beide Frauen hatten von Beginn an eine innige Beziehung zu ihrem Geschwister und sind heute ihre Beistände. Sie sprechen sich dafür aus, diesen Mitmenschen unverkrampft und auf Augenhöhe zu begegnen. Die Kommunikation findet vielleicht nicht über die Sprache statt, und trotzdem versteht man einander. Es darf auch mal Spass machen!
In der lebhaften Fragerunde entspinnt sich eine Diskussion über Strukturen und Haltungen. Was ist primär? Rebekka erzählt zur Veranschaulichung, wie in der Institution ihrer Schwester Klingeln an den Eingangstüren der Wohngruppen installiert wurden. Die Idee dahinter: Besucherinnen und Besucher sollen nicht mehr ungefragt hineinstürmen. Doch die Klingeln sind da, während die Gewohnheiten stärker bleiben: Die Türen stehen meist sowieso offen, und wenn geklingelt wird, kommt niemand. Die stillschweigende Erwartung lautet: Einfach reinkommen. Würden wir das in unserem eigenen Zuhause auch akzeptieren?
Christof Trachsel, Mitglied der Geschäftsleitung der SILEA, ist der Meinung, dass veränderte Strukturen zur Sensibilisierung beitragen und eine Änderung des Verhaltens ermöglichen. Es braucht wohl beides.
Rebekka sind Inklusion und Selbstbestimmung wichtig. Sie weist darauf hin, dass wir den Menschen mit Einschränkungen zu wenig zutrauen. Und wir könnten von ihnen viel lernen!
Dass Kathrin und Rebekka die Beistandschaft übernommen haben, ist für beide eine Selbstverständlichkeit. Das darf aber nicht von allen erwartet werden! Jede und jeder soll die Wahl haben, wie viel Verantwortung übernommen werden kann. Und beide sind der Meinung, dass auch die KESB gute Arbeit leistet.
Rebekka weist darauf hin, dass «behindert» immer noch als Schimpfwort verwendet wird. Wer so etwas hört, sollte sofort darauf reagieren.
Geschwisterkindern gibt Kathrin mit auf den Weg, dass sie Gefühlen wie Angst, Scham und Frust Raum geben dürfen, jedoch das Leben ohne schlechtes Gewissen geniessen dürfen.