Freitag, 26.06.2026
1969 als «gefallenes Mädchen» betitelt, verlor Elisabeth ihre Tochter durch fürsorgerische Zwangsmassnahmen. Nach 18 Jahren Trennung konfrontieren beide heute die Begriffe der Akten – ein notwendiger Prozess für alle vom System betroffenen Generationen.
Mutter und Tochter sitzen ganz entspannt auf der Bühne, schauen sich immer wieder an, lachen zusammen. Das ist alles andere als selbstverständlich. Die zwei Frauen haben einen zum Teil schmerzhaften Prozess der Aufarbeitung hinter sich, denn der Start ihrer Beziehung war extrem schwierig. Unmittelbar nach der Geburt auseinandergerissen durch fürsorgerische Zwangsmassnahmen, hatten sie 18 Jahre lang absolut keinen Kontakt. Es war die Tochter, die als Teenager wissen wollte, wo ihre Wurzeln sind.
Elisabeth erzählt, wie 1969 in ihrem Leben die Hölle losbrach, als der Arzt feststellte, dass sie im 5. Monat schwanger war. Dass das Kind in seiner Familie aufwachsen könnte, kam für ihre Eltern nicht in Frage. «Was würden die Nachbarn sagen?» Sofort nahmen sich die Behörden der Sache an. Sie legten Elisabeth nahe, «freiwillig» ein Dokument zur Freigabe des Kindes zur Adoption zu unterschreiben. Das hatte drei Vorteile: Die Schande wird nicht öffentlich, die Gemeinde spart Kosten und interessierte kinderlose Ehepaare kommen zu einem Kind. «Behörden sind Spiegel der Gesellschaft», sagt Elisabeth heute.
Kurz darauf wurde Elisabeth hinter die sieben Berge geschickt. Dort konnte sie bis zur Entbindung als «Hausschwangere» arbeiten. Für die Nachbarschaft war sie im «Welschlandjahr». Das Neugeborene durfte sie dann kurz anschauen und ihm einen Namen geben.
Michelle erzählt von ihrer frühesten Erinnerung im Kinderheim: Gefühlt 100 Bettchen um sie herum und wenn sie mal schreit, kommt niemand, weil andere noch lauter brüllen. Sie verbrachte dort zwei Jahre.
Elisabeth konnte Jahre später ihre Akte im Stadtarchiv einsehen. Darin wird sie als «gefallenes Mädchen» (oder noch schlimmer) tituliert, ihr Kind als Bastard bezeichnet und wegen seiner nicht reinweissen Hautfarbe als nicht vermittelbar eingestuft.
Es fand sich dann doch eine Familie, in der Michelle mit zwei ebenfalls adoptierten Brüdern aufwuchs. Für sie war «adoptiert» die Normalität. Sie spricht von einer tollen Kindheit bei liebevollen Eltern, die ihr eine gute Ausbildung ermöglichten.
Die erste Begegnung der beiden fand auf dem Bahnsteig in Brig statt. Die beiden erkannten sich sofort. Für Elisabeth war es «der Himmel auf Erden». Für Michelle war es schwieriger, aber ihre Nervosität fiel nach kurzer Zeit von ihr ab. Im Ganzen gesehen war es ein aufwühlendes, aber positives Erlebnis. Michelle geriet daraufhin in einen Loyalitätskonflikt. Ihre Mama machte sich grosse Sorgen. Würde nun ihre Tochter nach Hause kommen und sagen: «Ade merci!»? Bald zeigte sich aber, dass sie für beide starke Gefühle haben konnte. Ihre Adoptionsmutter bleibt ihre Herzensmama und mit ihrer leiblichen Mutter verbindet sie eine tiefe Freundschaft.
Schwierig war auch der Umgang mit Elisabeths Schuldgefühlen. In der Zwischenzeit hat sich jedoch vieles geklärt.
Das Buch «Amputierte Mutter», erschienen 2025 bei Cosmos, trägt viel zur ehrlichen öffentlichen Auseinandersetzung bei. Damit gab Elisabeth den vielen, ebenfalls von den Zwangsmassnahmen Betroffenen, eine Stimme. Nun will auch Michelle ein Buch schreiben aus der Sicht der adoptierten Kinder. Die nächste Generation befasst sich ebenfalls mit dem Thema. Michelles Tochter hat eine Abschlussarbeit verfasst zur Beziehung ihrer Mutter zu ihren «Grossmüttern». Die Generationen spannen zusammen!