Freitag, 22.05.2026
Muss Liebe exklusiv sein, um tief und verbindlich zu sein? Der Generationentalk mit der Psychologin Ursina Donatsch und der Aktivistin Anina Jaussi entlarvte Mythen über Polyamorie und rückte die bewusste Gestaltung des eigenen Beziehungsmodells in den Fokus.
Was passiert, wenn Eifersucht nicht als Versagen, sondern als Signal gilt? Warum ist das Streben nach «Fairness» in Beziehungen oft eine Illusion? Und wie viel Kommunikation verträgt die Liebe eigentlich?
Diesen Fragen stellten sich die Psychologin Ursina Donatsch (45) und die Aktivistin Anina Jaussi (33) im Rahmen des Generationentalks «Polyamorie oder Liebe geht nicht nur zu zweit». Moderatorin Daniela Epp führte durch den Abend, klärte Begriffe und bespräch mit ihren Gästen die praktischen wie emotionalen Herausforderungen nicht-monogamer Lebensformen aus.
Anina Jaussi lebt es vor: Seit 2018 führt sie eine polyamore Beziehung. «2018 war das Jahr, in dem ich meine Queerness entdeckt habe», erzählt sie. Der Begriff kam durch eine:n Freund:in in ihr Leben – und blieb. «Ich fand es spannend. Aber dann dachte ich: Warum sollte das nichts für mich sein?»
Was für Anina ein persönlicher Prozess war, ist gesellschaftlich gerade im Wandel. Die Institution Ehe verliere an Zwang, dafür gewännen individuelle Modelle an Raum. «Der Wunsch, mehrere Menschen attraktiv zu finden, ist nicht neu», sagt Anina. Neu sei nur, dass man es heute benennen und leben darf – besonders in städtischen Netzwerken. Auf dem Land hingegen fehlen oft noch die Vorbilder, was zu Missverständnissen und Vorurteilen führe.
Moderatorin Daniela Epp klärte zu Beginn die Begriffe: Eine «offene Beziehung» erlaubt meist sexuelle Kontakte nach aussen, bleibt aber emotional oft ein Zweierbund. Polyamorie hingegen schliesst das Eingehen mehrerer romantischer und sexueller Verbindungen ein.
Ursina Donatsch, Autorin des Buches «Verbunden und trotzdem frei», kennt die Nuancen aus ihrer Praxis. Paare, die ihre Beziehung öffnen wollen, suchten oft nach sexueller Vielfalt oder einem grösseren Gefühl von Autonomie. «Bei Polyamorie kommt oft eine ideologische Haltung dazu», beobachtet sie. «Das Bedürfnis, sich nicht für einen Menschen entscheiden zu müssen.»
Doch Vorsicht vor Schubladen: «Ich habe aufgehört, mit diesen Wörtern zu arbeiten», sagt Ursina. Viel wichtiger sei die Frage: Was brauchen die Beteiligten? Wo liegen die Grenzen?
Ein Satz, der im Saal sicher so manche:n überraschte: «Eifersucht ist ein völlig normales Gefühl», sagt Ursina Donatsch. «Wir kennen das als Kinder: Warum darf mein Geschwister zwei Smarties haben und ich nur eins?»
Das Problem sei nicht das Gefühl selbst, sondern der Umgang damit. Eifersucht sei selten die primäre Emotion; darunter liege oft Angst – vor Verlust oder Unsicherheit. «In einer monogamen Beziehung gibt es einen vermeintlich sicheren Rahmen», erklärt Ursina. «Wenn man diesen öffnet, muss die Sicherheit von innen kommen.»
Anina war am Anfang ihrer polyamoren Reise selbst eifersüchtig. «Ich dachte: Was, wenn die andere Person lustiger oder schlauer ist?» Doch das Gespräch danach brachte Sicherheit. «Der Mensch kann von einem schönen Date erzählen, und das ist okay.»
Wie sieht das im Alltag aus? Anina lebt in einer «Kitchen-Table-Polyamorie». Das heisst: Alle im Beziehungsnetzwerk sollen sich gut genug verstehen, um gemeinsam am Küchentisch essen zu können.
«Wir reden über alles», sagt Anina. Transparenz sei ihr Schutzmechanismus. Doch Regeln seien nicht in Stein gemeisselt. «In stressigen Phasen kann die Beziehung auch mal geschlossen sein.» Wenn die Kapazität für die Abstimmung fehlt, mache eine Pause Sinn.
Und dann noch ein Mythos, den Ursina Donatsch gerne entlarvt: die Fairness. «Das Streben nach absoluter Gleichberechtigung ist unrealistisch», sagt sie. Jede Beziehung sei einzigartig. Statt zu fragen «Ist es fair?», sollte man fragen: «Werden meine Bedürfnisse in dieser spezifischen Verbindung erfüllt?»
Ursina Donatsch warnt vor einem problematischen Trend: Paare, die ihre Beziehung öffnen, weil es «modern» ist, ohne sich wirklich auseinanderzusetzen. «Polyamorie ist kein Achievement», betont auch Anina Jaussi. «Es ist nicht das nächste Level nach der Monogamie.»
Ursina erlebt in ihrer Praxis Paare, die es unbedacht probieren – und dann scheitern. «Das ist schade, weil sie dann sagen: Polyamorie funktioniert nicht. Dabei haben sie es nur falsch gemacht.» Besonders wichtig sei die Selbstreflexion. «Es braucht Zeit und Raum», sagt Anina.
Was passiert, wenn ein Paar sich uneins ist? «Das ist die ultimative Pattsituation», sagt Ursina Donatsch. Oft verhärteten sich die Fronten: Einer will öffnen, der andere blockt. Ihr Ansatz: Die Positionen aufweichen. «Was spricht dafür? Was spricht dagegen?» Oft helfe schon ein Gedankenexperiment. «Wie wäre es, wenn ich heute Abend ein Date hätte?» Solche hypothetischen Szenarien zeigten Gefühle auf, bevor sie Realität würden.
Am Ende des Abends blieb eine klare Botschaft: Es gibt kein «richtiges» Modell. Ob monogam, offen oder polyamor – entscheidend ist, dass es eine bewusste Entscheidung ist. Der Verein «bunt_lieben», in dem Anina engagiert ist, setzt genau hier an: Sichtbarkeit schaffen, Vorurteile abbauen.
Und Ursina Donatsch plädiert für Mut: «Habt den Mut, eure Bedürfnisse zu äussern. Und nehmt euch Zeit.» Denn am Ende geht es nicht um die Anzahl der Partner:innen. Sondern um die Qualität der Verbindungen – und die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Wie Anina es auf den Punkt brachte: «Ehrlich sein. Vor allem mit sich selber.»