Epischer Art-Slam begeisterte Thun

Epischer Art-Slam begeisterte Thun

Aus einer Idee von UND Generationentandem wurde am Freitagabend Wirklichkeit: Kunstwerke und Poetry-Slam in einer einzigartigen Fusion. Der Art-Slam im Kunstmuseum Thun lockte 175 Menschen an – sie waren begeistert. Die OrganisatorInnen sind stolz und sprechen von einem Grosserfolg.

Als Remo Rickenbacher das erste Kunstwerk zerstörte, war der Art-Slam gerade fünf Minuten alt. Mit einem Japanmesser und gelber Lebensmittelfarbe machte er sich am Siebdruck von Werner Witschi zu schaffen. Das Publikum johlte – und die Verantwortlichen des Kunstmuseums lachten mit. Natürlich zerstörte Slam-Poet Rickenbacher nicht den echten Witschi, sondern eine Reproduktion. Der Moderator des ersten Art-Slams, initiiert von UND Generationentandem und dem Kunstmuseum Thun, erklärte damit plakativ die Benimmregeln des Museums, nach dem Motto: So eben nicht!

 

Remo Rickenbacher illustrierte zu Beginn, wie nicht mit den Kunstwerken umgegangen werden soll! – Bild: Walter Winkler

 

Der Art-Slam begeisterte Jung und Alt – 175 Menschen waren im Foyer des Thunerhofs dabei. – Bild: Mara Ludwig

Rotierendes Publikum

175 Menschen standen und sassen im zur Slam-Arena umfunktionierten Foyer des Thunerhofs. Auf der Treppe sowie am Geländer lehnend, suchte das generationendurchmischte Publikum den besten Blick zur Bühne. Schwarzer Hintergrund, ein Mikrofon und farbige Lichter erzeugten im ehemaligen Grandhotel eine einmalige Stimmung. Nach einer kurzen Einführung machten sich die SlammerInnen und das Publikum auf ins Museum. Jeder der Spoken-Word-PoetInnen hatte ein Bild ausgewählt. Je ein Viertel der ZuschauerInnen versammelte sich vor einem Bild.

 

Hans Jürg Zingg trägt seinen Slam-Beitrag vor. – Bild: Mara Ludwig

Gina Walter (21) aus Basel, Gregor Stäheli (27) aus Zürich, Andreas Kessler (53) aus Ostermundigen und Hans Jürg Zingg (74) aus Hasle-Rüegsau performten ihre Texte je viermal, das Publikum rotierte jeweils nach sechseinhalb Minuten zum/zur nächsten SlammerIn. Die Werke aus der aktuellen Ausstellung zum 70-Jahr-Jubiläum des Kunstmuseums bekamen plötzlich eine ganz neue Geschichte: Diana Dodsons Bildsphäre (2016) löste poetischen Gedanken rund um Erinnerung aus und George Steinmanns Karte der Verwüstung (1982) wird zu einem Plädoyer zum Klimaschutz. Adolf Flückiger regte mit seinem Kellertheater bei Nacht (1972) dazu an, ein Ehepaar aus dem Publikum zu belauschen, eine Hommage an eine Thuner Theatergeschichte. Tiefsinnige und humorvolle Kunstphilosophie entfaltete sich vor dem grossen weissen Bild mit «Gschlirgg» Ohne Titel (1982) von Peter Willen.

 

Stiller Applaus für Gregor Stäheli. – Bild: Mara Ludwig

 

Applaus der anderen Art für die KünstlerInnen. – Bild: Walter Winkler

Nach der ersten Hälfte in den ehrwürdigen Museums-Hallen fand sich das Publikum wieder im Foyer des Thunerhofs ein. Nun mussten die ZuschauerInnen entscheiden, welcher Text sie am meisten überzeugt hatte: «Ich kann mich doch nicht entscheiden», so eine ältere Zuschauerin zu einer jüngeren.

Zu Beziehungen geslammt

Nach der Pause traten die vier SlammerInnen in Halbfinals gegeneinander an und performten zum Thema «Beziehungen», welches das Kunstmuseum Thun und UND Generationentandem bestimmt haben. Der derbe und träfe Hans Jürg Zingg reimte sich entlang bekannter Volkslieder, der energische Gregor Stäheli suchte als Peter Pan seine Wendy – und fand sie im Publikum laut lachend. Der in breitem Berndeutsch performende Andreas Kessler stellte ein Paar, das sich in Loriot-Manier nicht versteht, dar.

 

Gina Walters Poesie berührte. – Bild: Elias Rüegsegger

Und Gina Walter schuf Poesie an den liebsten Menschen mit unzähligen Vergleichen: «Zeit mit dir zu verbringen, ist wie Luftpolsterfolienbläschen zerplatzen zu lassen.» Mal gebannt und ganz still, mal laut lachend ging das Publikum mit den Texten mit. Am Ende setzte sich Gina Walter gegen die anderen Slammer durch, die Baslerin durfte am ersten Thuner-Slam den Preis – die 20-jährige Whiskey-Flasche mit 70 Zentiliter Inhalt  – köpfen, ein würdiger Moment zum 70-jährigen Jubiläum des Kunstmuseums.

 

Gregor Stäheli und Gina Walter waren im Final des Art-Slams. Gewonnen hat schliesslich Gina. – Bild: Elias Rüegsegger

OrganisatorInnen sind stolz

Etwas ins Schwitzen kamen die Verantwortlichen schon, als 15 Minuten vor Beginn des Anlasses die Menschen in Scharen ins Museum strömten. Die Organisatorin von UND Generationentandem, Livia Thurian, meinte: «Jetzt werden wir sehen, ob unsere Logistik funktioniert!» 175 Menschen zeitgleich durch die Gänge des Museums von Slammerin zu Slammer zu befördern, bedarf einer guten Organisation. Doch dank Gong-Bediener Remo Rickenbacher und nach Farben organisierten Gruppen gelang die Herausforderung perfekt. Als sich um 22.45 Uhr der Thunerhof langsam leert, blickt Livia Thurian auf die Veranstaltung zurück: «Wir sind sehr zufrieden! Die Stimmung war grossartig, das Publikum hat super mitgemacht.

 

Organisatorin Livia Thurian im Gespräch mit Gina Walter. – Bild: Mara Ludwig
Tolle Stimmung im Foyer des Thunerhofs. – Bild: Mara Ludwig

«Wir dürfen stolz sein, wir haben Thun eben den ersten Art-Slam geschenkt.» Sara Smidt, die Kunstvermittlerin des Kunstmuseums Thun zeigte sich nach dem Anlass ebenfalls begeistert: «Die Fusion von Spoken Word und Kunstwerken ist gelungen.»

Ein Feuerwerk

Der Art-Slam war ein Feuerwerk mit Wort und Kunst – der langanhaltende Applaus ganz am Ende galt den OrganisatorInnen von UND Generationentandem» und dem Kunstmuseum Thun. Aus einer Idee wurde Realität, der Art-Slam berührte und verband Menschen verschiedener Generationen: Auf der Bühne und im Publikum – und hinter den Kulissen bei der Vor- und Nachbereitung.

 


Die besten Bilder des Art-Slams

Mara Ludwig (16), Walter Winkler (79), Elias Rüegsegger (24)

 

Noch ist alles ruhig. Doch das Foyer des Thunerhofs hat sich bereits in eine Slam-Arena verwandelt. – Bild: Elias Rüegsegger
Das Mikrofon bereit für allerlei Texte. – Bild: Elias Rüegsegger
Die Türen des Kunstmuseums öffneten sich um 19 Uhr für das Publikum. – Bild: Elias Rüegsegger
Schon ab 19 Uhr trafen die ersten ZuschauerInnen ein. 15 Minuten vor Beginn war der Andrang dann sehr gross. – Bild: Elias Rüegsegger
Hinter der Kasse wirkten die UND-Helferinnen Tanja Mitric und Regula Saameli. – Bild: Elias Rüegsegger
Tickets in vier Farben – das Publikum wurde in vier Gruppen aufgeteilt. – Bild: Elias Rüegsegger

 

Super Stimmung auf zwei Stockwerken im Thunerhof. – Bild: Mara Ludwig
Bild: Elias Rüegsegger
Bild: Mara Ludwig
Bild: Elias Rüegsegger
Bild: Mara Ludwig
Stehen, sitzen, anlehnen, knien – einen Platz hatte es für alle irgendwo. – Bild: Mara Ludwig
Einmalige Stimmung im Thunerhof. – Bild: Mara Ludwig
Bild: Elias Rüegsegger

 

Gregor Stäheli trägt seinen Text zum Bild vor: Karte der Verwüstung von George Steinmann. – Bild: Mara Ludwig
Gina Walter und das von ihr ausgewählte Kunstwerk. – Bild: Mara Ludwig
Damit der eine Viertel des Publikums alle anderen nicht störte, wurde leise applaudiert. – Bild: Mara Ludwig
Gina Walter nach dem gelungenen ersten Auftritt. – Bild: Elias Rüegsegger
Remo Rickenbacher und Gina Walter. – Bild: Elias Rüegsegger
Damit niemand den Anschluss verpasst, wurden die vier Publikumsgruppen von vier Organisatorinnen in unterschiedlichen Farben geleitet. – Bild: Elias Rüegsegger
Andreas Kessler vor dem von ihm gewählten Werk ohne Titel. – Bild: Mara Ludwig
Andreas Kessler vor dem Werk ohne Titel. – Bild: Mara Ludwig

 

Der Grandseigneur der Schweizer Poetry-Slam-Szene, Hans Jürg Zingg. – Bild: Walter Winkler
Erfrischung vor dem Auftritt: Die SlammerInnen trugen ihren Text je viermal vor. – Bild: Elias Rüegsegger
Nach der ersten Hälfte Art-Slam mussten sich die ZuschauerInnen entscheiden – welcher Slam hatte ihnen am besten gefallen? – Bild: Mara Ludwig

 

Sitzen konnten nicht alle – aber wer sitzt schon bei einem Art-Slam? – Bild: Elias Rüegsegger

 

Die Technik funktionierte einwandfrei. – Bild: Elias Rüegsegger
Hinter den Kulissen aktiv: Mara Ludwig, die Fotografin. – Bild: Elias Rüegsegger

 


Nächste Veranstaltung

Und die nächste Veranstaltung in Kooperation von UND Generationentandem und dem Kunstmuseum Thun wartet bereits: In Tandems zu «Beziehungen» pinseln.

Wann: Sonntag, 11.11.18, 11:11 Uhr

Wo: Kunstküche des Kunstmuseums Thun, Eingang an der Hofstettenstrasse Hofstettenstrasse 12, 3600 Thun

Eintritt frei, Kollekte.

0.0 starsyıldızSterneétoilesestrellas (0)

Ähnliche Beiträge

Über den Kuppeln von Jerusalem
Zwei Stiftungen im Porträt
Zwei Stiftungen im Porträt
Biografien bauen Brücken
Biografien bauen Brücken
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest

1 Kommentar
Älteste
Neueste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen