Wenn Gemeinden das «Wir» stärken

Wenn Gemeinden das «Wir» stärken

In Altersleitbildern befassen sich Gemeinden isoliert mit der Gruppe der Senior:innen. Im Gegensatz dazu integrieren Generationenleitbilder alle Alterstufen – ein Ansatz, der das Zusammenleben in Schweizer Gemeinden grundlegend verändern kann.

Vom Altersleitbild zum Generationenleitbild

Helmut Segner (71)

Sucht man in der Schweizer Mediendatenbank für den Zeitraum Mai 2025 bis Mai 2026 nach dem Stichwort «Generationenleitbild», erhält man keinen einzigen Treffer. Dagegen führt die Suche nach «Altersleitbild» zu 130 Treffern. Auch in den Google-Suchergebnissen ist «Altersleitbild» sehr viel häufiger vertreten als das «Generationenleitbild».

Was ist nun aber der Unterschied zwischen den beiden Begriffen? Meinen sie letztlich dasselbe oder sind damit doch unterschiedliche Zielsetzungen und Motivationen verbunden? Die beiden Begriffe haben einen unterschiedlichen Fokus: Während es bei dem Altersleitbild um die Lebenssituation und Bedürfnisse älterer Menschen geht, widmet sich das Generationenleitbild dem Zusammenleben und dem Dialog zwischen den Generationen. Speziell in Deutschland findet sich noch der Begriff des «Familienleitbilds», der aber Fragen der Beziehung zwischen den Generationen miteinschliesst.

Gesetzliche Grundlagen, die Gemeinden verpflichten würden, Alters- oder Generationenleitbilder zu erstellen, gibt es in der Schweiz nicht. Dennoch haben viele Gemeinden und auch einige Kantone zumindest ein Altersleitbild erarbeitet. Im Kanton Bern existierte im Jahre 2021 in 74 Prozent der Gemeinden ein Altersleitbild. Die Erarbeitung der Leitbilder erfolgte in der Regel in mehrstufigen Prozessen unter aktiver Beteiligung der Bevölkerung, wobei in vielen Fällen Fachstellen und Vereine eine koordinierende Funktion einnahmen. Mit der Verabschiedung eines Altersleitbilds tragen die Gemeinden dem zunehmenden Anteil älterer Personen (65+) an der Wohnbevölkerung Rechnung. Damit verschaffen sich die Gemeinden ein Planungsinstrument für konkrete Handlungsfelder wie altersgerechtes Wohnen, Barrierefreiheit, Pflegeplätze oder soziale Integration. Gleichzeitig wird den Seniorinnen und Senioren ein Leitfaden mit Informationen zu Gesundheit, Beratungs- und Hilfemöglichkeiten, Mobilitätsangeboten sowie Freizeit und Kultur. Auf diese Weise stärkt ein Altersleitbild die Lebensqualität älterer Personen und schafft Grundlagen, damit sie selbstbestimmt und eingebunden in ihrer Gemeinde leben können.

Ein Generationenleitbild legt den Schwerpunkt auf die Integration und Brückenbildung zwischen den Generationen. Der Blick ist also nicht auf eine einzelne Altersgruppen gerichtet, sondern auf die Vernetzung zwischen Personen aus allen Altersgruppen. Generationenübergreifende Projekte und gemeinsame Begegnungsräume sollen den Dialog und das gegenseitige Lernen fördern. Dadurch lassen sich auch Vorurteile zwischen den Generationen abbauen. Vergleichbar der Etablierung eines Altersleitbilds folgt auch die Entwicklung eines Generationenleitbilds einem strukturierten Prozess. Allerdings muss nun ein breiterer Querschnitt der Bevölkerung eingebunden werden. Vielleicht ist der damit verbundene Aufwand ein Grund dafür, warum Generationenleitbilder erst von relativ wenigen Gemeinden in der Schweiz etabliert wurden. Der Kanton Glarus hat bereits 2016 auf kantonaler Ebene ein Generationenleitbild erarbeitet. Im Kanton Bern gibt es in der Region Thunersee (Hilterfingen, Oberhofen, Heiligenschwendi) (siehe Infokasten), in der Region Aemme (Aefligen, Kirchberg, Lyssach, Rüti) oder in der Gemeinde Kirchberg bereits Generationenleitbilder.

Wie sich UND für Generationenleitbilder einsetzt

Tabea Keller (26)

UND Generationentandem begleitet Gemeinden im Prozess zur Entwicklung eines Generationenleitbilds. Bereits abgeschlossen ist ein Projekt in den Gemeinden Hilterfingen, Oberhofen und Heiligenschwendi (siehe Infokasten). Zwischen 2026 und 2027 ist UND Generationentandem in der Gemeinde Heimberg engagiert. Welche Rolle hat UND Generationentandem in einem solchen Prozess? Wir koordinieren gemeinsam mit den Gemeindevertreter:innen, bringen eine Aussenperspektive ein, sind erfahren in partizipativen Austauschformaten und sind Partnerin, die selbst Begegnungsformate anbietet, die das Zusammenleben stärken sollen.

Ideenwerkstatt: Ein Flipchart voller Vorschläge aus einem partizipativen Prozess für den generationenübergreifenden Zusammenhalt.
Bild: Victor Keller

Ein Generationenleitbild ist ein Prozess und nicht (nur) ein Papier. Ein Generationenleitbild soll verankert sein in einer Gemeinde. Aber was braucht es, um einen solchen nachhaltigen, partizipativen Prozess zu gestalten?

Ideen und Visionen

UND Generationentandem wagt gross und visionär zu denken. Das ist ansteckend und kann Gemeinden motivieren, trotz teilweise wenig Spielraum, auch in den vorhandenen Angeboten, neue Perspektiven oder Ansätze zu sehen, die das Zusammenleben stärken. Eine gemeinsam erarbeitete Vision verbindet und legt den Grundstein für Ziele.

Dialog und Begegnung

Dialog über Generationen und Lebenswelten hinweg kann anspruchsvoll sein. UND Generationentandem weiss das aus Workshops, Dialog-Formaten und der Arbeit mit Freiwilligen aus allen Altersgruppen. Dialog schafft Verständnis und neue Perspektiven. In einem Generationenleitbild-Prozess setzt UND auf viel Dialog in Workshops und Gesprächen, um Bedürfnisse abzuholen, Menschen an einen Tisch zu bringen und durch die Erfahrung des Miteinanders den Grundstein für Projekte zu legen.

Plattformen und Vernetzung

Begegnungen, die im Alltag nicht stattfinden, brauchen Plattformen, um angestossen zu werden: einen Begegnungsort, Veranstaltungen oder Kommunikation, die ankommt. Plattformen, die den Bedürfnissen der Menschen entsprechen und in ihre Lebenswelt passen. Ein Netzwerk kann helfen, damit solche Plattformen nicht immer von Grund auf neu erfunden werden müssen. Vernetzen heisst Synergien nutzen, gegenseitige Inspiration und ideelle Unterstützung. UND Generationentandem bringt ein vielfältiges Netzwerk in einem Generationenleitbild-Prozess ein.

Koordination und Verbindlichkeit

An den Ideen scheitert es bei vielen Organisationen und Gemeinden nicht – aber an der Umsetzung. Umsetzen bedeutet Verantwortungen zu verteilen und zu übernehmen, etwas zu wagen, das auch Mut braucht. UND Generationentandem zeichnet sich durch eine starke Umsetzungskraft aus. Ideen werden schnell zu einem konkreten Projekt, mit dem Risiko, zu scheitern. Die Erfahrung bei UND Generationentandem zeigt, dass es sich immer wieder lohnt, diesen Schritt zu gehen, dass es aber ohne gute Koordination und zuverlässige Strukturen nicht möglich wäre.

Generationenleitbild-Entwicklung in der Praxis

Fritz Zurflüh (72)

Wenn eine Gemeinde sich entschliesst, ein Generationenleitbild zu erstellen, möchte sie
den Zusammenhalt stärken, Begegnungen zwischen den Generationen fördern – weniger nebeneinander und mehr miteinander.
Vereine und Institutionen vernetzen, freiwilliges Engagement stärken.gemeinsame Werte sichtbar machen, Teilhabe, Solidarität, Mitwirkung – ein gemeinsames Zukunftsbild entwickeln.

Vielfalt am Tisch: Generationenübergreifender Austausch an einem Mitwirkungsanlass zur Zukunft der Gemeinde.
Bild: Victor Keller

Die Entwicklung eines Generationenleitbilds geschieht nicht im luftleeren Raum, sie baut vielmehr auf das schon vorhandene Zusammenleben und die wertvollen Aktivitäten vieler engagierter Leute auf. Es ist zentral, dass diese Engagierten in den Prozess der Erarbeitung des Generationenleitbilds eingebunden werden. Ein Generationenleitbild versucht deshalb, aus vielen «Ichs» ein gemeinsames «Wir» zu entwickeln – gerade in einer Zeit, in der Individualisierung und gesellschaftliche Fragmentierung zunehmen. Alle «Ichs» sind aufgerufen, ihren Teil zum «Wir» beizutragen, das «Wir» bin auch «Ich», es gibt kein «man macht».
In der Gemeinde Heimberg verläuft dieser Prozess – begleitet von einer Gruppe aus UND Generationentandem – in den folgenden Etappen:

  • Auftragsklärung, was soll das Ergebnis sein
  • Bildung einer tragenden Spurgruppe, die den Entwicklungsprozess führt – in Heimberg ist das die Kommission für Generationenfragen
  • Interviews mit wichtigen Interessengruppen in der Gemeinde: Erfassen der wichtigsten Themenbereiche, Brennpunkte, Möglichkeiten …
  • Workshop mit Gemeinderat und Kommission für Generationenfragen: erste Handlungsfelder bestimmen
  • In Zusammenarbeit mit der Spurgruppe: Konkretisierung der Handlungsfelder, Kontakte zu Engagierten suchen – gemeinsame Projektideen generieren – Überlegungen zur Koordination und Führung der künftigen Prozesse anstellen
  • Offener Workshop für alle Interessierten in der Gemeinde: kritische Sichtung der bisherigen Ergebnisse, Ideen integrieren, neue Handlungsfelder definieren, Bildung von Gruppen, die die Umsetzung an die Hand nehmen
    Abschlussarbeiten – Verabschiedung im Gemeinderat – Kommunikation in der Öffentlichkeit

Fazit: Der Prozess ist das Ziel

Der Trend geht vom Alters- zum Generationenleitbild, um das Miteinander aller zu stärken. Wichtig ist dabei: Das Leitbild ist nicht das Papier, sondern der lebendige Prozess. Gelingen wird er nur, wenn die Gemeinde die Bevölkerung einbindet, bestehende Strukturen nutzt und den Menschen Raum gibt, das Zusammenleben aktiv mitzugestalten.

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