Was unsere Gesellschaft zusammenhält

Was unsere Gesellschaft zusammenhält

Zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung leisten Freiwilligenarbeit. Gleichzeitig verändern sich Formen, Erwartungen und Rahmenbedingungen. Am Generationenforum vom 14. Januar 2025 stand im Zentrum, was freiwilliges Engagement heute bedeutet, wo Spannungen entstehen und weshalb es für den gesellschaftlichen Zusammenhalt unverzichtbar bleibt.

2026 ist das internationale Jahr der Freiwilligenarbeit. Deshalb bildete das Generationenforum «Freiwilligenarbeit – was unsere Gesellschaft zusammenhält?» vom 14. Januar 2025 einen passenden Einstieg ins Jahr. Ohne freiwilliges Engagement wäre es auch nicht möglich, dass UND Generationentandem nach 15 Jahren noch besteht – heute mit rund 200 Freiwilligen.

Auf dem Podium diskutierten vier Personen mit unterschiedlichem Bezug zur Freiwilligenarbeit:
François Höpflinger, Gerontologe;
Ruedi Winkler, Vorstandsmitglied des Netzwerks Caring Communities Schweiz;
Ursula Zybach, SP-Politikerin und Präsidentin von benevol Kanton Bern;
Philippe Lindegger, Leiter der Abteilung Entlastung beim Schweizerischen Roten Kreuz Kanton Bern.

Ergänzt wurde der Abend durch zwei persönliche Gespräche mit Ruth Gysel und Viktoria Kerber von UND Generationentandem.

Podium und Moderation des Generationenforums «Freiwilligenarbeit – was unsere Gesellschaft zusammenhält?»: Ruth Gysel, Viktoria Kerber, Philippe Lindegger, Peter Dolder, Ruedi Winkler, Ursula Zybach, François Höpflinger und Tabea Keller.
Bild: Hans-Peter Rub

Erste Beobachtungen

Gleich zu Beginn fiel ein Satz, der den Abend prägte:
«Freiwilligenarbeit ist nicht nur ein Geben, sondern auch ein Nehmen.»

François Höpflinger sprach über Freiwilligenarbeit zwischen den Generationen und darüber, wie Engagement gelingt, ohne sich gegenseitig zu bevormunden. Schon als junger Mann war er freiwillig aktiv – unter anderem als Student für das Frauenstimmrecht.

Ruedi Winkler brachte die Perspektive der Nachbarschaftshilfe ein. Für ihn steht Freiwilligenarbeit dort, wo Menschen leben und sich im Alltag begegnen.

Ursula Zybach zeigte anhand eines persönlichen Beispiels, wie freiwilliges Engagement oft funktioniert: Man arbeitet miteinander, weil man gebraucht wird. Und plötzlich merkt man, dass man gar nicht weiss, wie die Person heisst, mit der man seit Stunden zusammenarbeitet. Das ist ihr beim Unspunnenfest passiert. Irgendwann fragte sie: «Wer bist du eigentlich?»
Bis heute steht sie mit dieser Person in Kontakt.

Ursula Zybach zeigte am Beispiel eines Einsatzes am Unspunnenfest, wie freiwilliges Engagement über gemeinsames Tun zu Begegnungen führt.
Bild: Hans-Peter Rub

Philippe Lindegger schliesslich sprach aus Sicht des Roten Kreuzes – und als Vater. Freiwilligenarbeit, so seine Erfahrung, prägt nicht nur Organisationen, sondern auch Familienleben.

Diese unterschiedlichen Zugänge prägten die weitere Diskussion.

Freiwilligenarbeit heute

Ruedi Winkler schilderte eine klare Beobachtung aus der Nachbarschaftshilfe:
«Die Leute wollen sich nicht mehr über eine längere Zeit verpflichten. Sie sind bereit, bei Projekten mitzumachen, wo sie wissen, es wird wieder fertig – oder einzuspringen, wo sie gebraucht werden.»

Während des Lockdowns waren viele Menschen engagiert. Die Erfahrung gefiel ihnen, sie wollten wieder helfen – aber nicht unbedingt Mitglieder werden.
«Die Zugewandten sind fast aktiver als die Mitglieder.»
Wenn es jedoch um regelmässige Einsätze gehe, etwa wöchentliche Besuche bei einer älteren Person, beschränke sich die Bereitschaft oft auf einige Monate.

Für Ruedi Winkler beginnt gesellschaftlicher Zusammenhalt dort, wo Menschen sich im Alltag begegnen – in der Nachbarschaft und im eigenen Lebensraum.
Bild: Hans-Peter Rub

«Die Leute wollen sich nicht mehr über eine längere Zeit verpflichten. Sie sind bereit, bei Projekten mitzumachen – oder einzuspringen, wo sie gebraucht werden.»

Ruedi Winkler

Ruedi Winkler verwies dabei auf den Freiwilligenmonitor: Die Bereitschaft zur Freiwilligenarbeit habe nicht abgenommen – auch nicht bei jungen Menschen.

François Höpflinger stimmte zu:
«Man merkt, die Leute wollen selbst bestimmen. Die Senior:innen wollen nicht Pro Senectute, sondern Con Senectute – mit den Senior:innen etwas machen.»

Er wies auch auf mögliche Spannungen hin:
«Man hat sehr viele Leute, junge wie alte, die sehr gut ausgebildet sind und über gewisse Gebiete mehr wissen als die Fachleute, die es organisieren. Wenn die Organisation weniger weiss als die Freiwilligen, dann hat man ein Problem.»
Besonders dann, wenn Strukturen nicht an moderne Bedürfnisse angepasst seien.

Peter Dolder moderierte das Gespräch mit den vier Podiumsgästen und strukturierte die Diskussion über Wandel und Bedeutung der Freiwilligenarbeit gekonnt und verständlich.
Bild: Hans-Peter Rub

Auch aus Sicht einer grossen Organisation bestätigte Philippe Lindegger diese Beobachtungen:
«Leute wollen spontan und projektbezogen Einsatz leisten. Gleichzeitig brauchen wir Unterstützungen, die eine gewisse Konstanz haben – gerade mit Blick auf das Älterwerden.»

Für Philippe Lindegger braucht freiwilliges Engagement Flexibilität – aber auch Strukturen, die Verlässlichkeit ermöglichen.
Bild: Hans-Peter Rub

Das Rote Kreuz bietet Ausbildungen für Freiwillige an, damit Begleitungen fachlich gut abgesichert sind. Gleichzeitig verändern sich auch die Formen des Engagements. Philippe Lindegger erwähnte, dass in den USA ein Teil der Freiwilligenarbeit bereits hybrid oder digital geleistet werde.
«Für die Jungen ist auch wichtig, wie ein Verein auftritt. Es muss zumindest eine Webseite haben. Man muss sie auf verschiedenen Kanälen ansprechen.»

Ursula Zybach erklärte die Rolle von benevol Kanton Bern, das Organisationen berät.
«Wie kann man es attraktiver gestalten? Welche Möglichkeiten gibt es?»
Gerade kleine Organisationen ohne eigene Webseite könnten über Plattformen wie benevol Jobs sichtbar werden.

François Höpflinger brachte an dieser Stelle Kritik an:
«Viele langjährige Vereine haben Mühe, neue Leute aufzunehmen. Ideen von Jüngeren werden blockiert – und dann kommen sie nicht mehr.»
Zudem sei klar:
«Dass man Freiwilligenarbeit gratis fördern kann, ist eine Illusion. Eine Organisation braucht mindestens 40 bis 60 Stellenprozente, oft mehr.»

Ruth Gysel engagiert sich freiwillig, weil ihr die Aufgabe und die Menschen wichtig sind – und weil sie dabei neugierig bleibt.
Bild: Hans-Peter Rub

Ruth Gysel: «Es hält mich nicht jung – aber neugierig»

Ruth Gysel ist pensioniert und engagiert sich beim UND Generationentandem und im Sensorium Rüttihubelbad.
«Die Freiwilligenarbeit macht mir einfach Freude.»
Wichtig ist ihr, dass nicht nur die Aufgabe, sondern auch die Menschen passen.
«Ich bekomme Einblicke in Sachen, die ich sonst nie erleben würde.»

Das Sensorium beschreibt sie als Erfahrungsfeld der Sinne.
«Ich finde es einfach spannend, was wir alles mit unseren Sinnen machen.»
Zudem werden die Freiwilligen geschult – etwa zur Besucher:innenbegleitung und zu den Hintergründen der Stationen.

Schon früher engagierte sich Ruth Gysel freiwillig, etwa im Berufscoaching beim BIZ. Auch dort war Ausbildung zentral.
Die grösste Herausforderung sieht sie in der Rollenklärung:
«Immer wieder herauszufinden, welche Rolle ich habe.»

Wertschätzung erlebt sie nicht über Geschenke, sondern im Alltag – im Gespräch, im Miteinander, im Dazugehören.
«Man merkt Anerkennung an kleinen Sachen, zum Beispiel an einem Blick.»
Durch ihr Engagement bleibt sie «flexibel, reflektiert und neugierig».

Tabea Keller führte durch die persönlichen Gespräche mit engagierten Freiwilligen und gab individuellen Erfahrungen Raum.
Bild: Hans-Peter Rub

Freiwilligenarbeit als gesellschaftliches Bindeglied

François Höpflinger lenkte den Blick darauf, dass Freiwilligenarbeit sozialen Zusammenhalt stärken kann – aber nicht automatisch. Gerade dort, wo unterschiedliche Generationen, Haltungen und Lebenswelten aufeinandertreffen, entstünden Spannungsfelder.
«Freiwilligenarbeit kann auch als Störfaktor wahrgenommen werden. Das wird oft unterschätzt.»
Gerade deshalb brauche es in vielen Projekten Moderation und fachliche Begleitung.

Im Kontext von Alter sagte er:
«Senior:innengruppen funktionieren gut untereinander. Aber im Kontakt mit Jüngeren braucht es Zurückhaltung. Ältere Menschen überschätzen dabei oft den Wert ihrer eigenen Erfahrung – dann entsteht kein Austausch.»

«Ältere Menschen überschätzen dabei oft den Wert ihrer eigenen Erfahrung.»

François Höpflinger

Gleichzeitig widersprach François Höpflinger der verbreiteten These, sozialer Zusammenhalt nehme grundsätzlich ab. «Beziehungen zwischen Grosseltern und Enkelkindern oder in Nachbarschaften sind nicht schlechter geworden, zum Teil sogar besser.»
Kritisch beurteilte er jedoch die geringe Einbindung von Menschen mit Migrationserfahrung – ein blinder Fleck, wenn es um gesellschaftlichen Zusammenhalt gehe.

François Höpflinger lenkte den Blick auf Spannungen in der Freiwilligenarbeit zwischen Erfahrung, Vielfalt und Beteiligung.
Bild: Hans-Peter Rub

Ruedi Winkler weitete den Blick auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die Zusammenhalt fördern oder behindern können. Er sprach aus eigener Erfahrung aus Landwirtschaft, Wirtschaft und Freiwilligenarbeit:
«Es gibt unterschiedliche Arten des Denkens – und diese prallen oft aufeinander.»
Besonders kritisch äusserte er sich zur wirtschaftlichen Entwicklung:
«Es gab einmal eine soziale Marktwirtschaft. Davon redet heute niemand mehr.»

«Menschen, die sich freiwillig engagieren, sind oft besser ausgebildet, eher privilegiert – und vor allem Frauen.»

Ruedi Winkler

Zugleich wies Ruedi Winkler auf ein Ungleichgewicht hin:
«Menschen, die sich freiwillig engagieren, sind oft besser ausgebildet, eher privilegiert – und vor allem Frauen.» Freiwilligenarbeit sei wertvoll, werde aber problematisch, wenn sie nur bestimmten Gruppen offenstehe. «Wenn wirtschaftliches Handeln nur dem Geld folgt, geraten Menschen unter Druck.»

Ursula Zybach setzte zum Schluss einen klaren Rahmen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt:
Freiwilligenarbeit dürfe bezahlte Arbeit nicht ersetzen. Diese Abgrenzung sei notwendig, um Ausbeutung zu verhindern und Solidarität nicht zu untergraben.

Viktoria Kerber zeigte, wie freiwilliges Engagement helfen kann, an einem neuen Ort anzukommen – oft über kleine, zufällige Begegnungen.
Bild: Hans-Peter Rub

Viktoria Kerber: Viktoria: «Wir machen es zusammen»

Viktoria Kerber kam zu UND Generationentandem, als sie neu nach Thun zog.
«Ich realisierte: Ich kenne hier niemand.»

Freiwilliges Engagement kannte sie bereits aus früheren Stationen in Bulgarien und Deutschland. Als sie einen Artikel über UND Generationentandem las, füllte sie das Kontaktformular aus – und blieb.

Was ihr beim Ankommen besonders half, waren kleine, zufällige Begegnungen. Einmal traf sie bei einem Spaziergang zwei Personen von UND Generationentandem. Man blieb kurz stehen, wechselte ein paar Worte, ging weiter.
«Wenn man jemanden trifft und sagen kann: Hallo, wie geht es dir? – das macht einen Unterschied.»

Es seien genau diese kurzen Momente gewesen, die ihr das Gefühl gaben, dazuzugehören. Nicht organisiert, nicht geplant, sondern nebenbei – unterwegs.

Gleichzeitig spricht Viktoria offen über die Voraussetzungen für freiwilliges Engagement.
«Das grösste Problem ist die Zeit.»
In ihrem Beruf als wissenschaftliche Mitarbeiterin funktioniere es gut, andere hätten deutlich weniger Spielraum – insbesondere Menschen zwischen 30 und 50 Jahren.

Besonders schätzt sie ihr Engagement bei UND Generationentandem, weil sie dort Erfahrungen machen kann, die nichts mit ihrer Berufsarbeit zu tun haben.
«Gastro-Erfahrungen zum Beispiel – das klingt nicht so spannend, aber es ist total spannend.»

Was sie bei UND Generationentandem besonders hervorhebt, ist der gemeinsame Ansatz:
«Wir machen nicht etwas für die andere Generation, wir machen zusammen etwas.»
Der Austausch helfe auch, Dinge zu relativieren. «Irgendwann relativiert sich alles.»

Die Zukunft der Freiwilligenarbeit

Zum Schluss wurde der Blick nach vorne gerichtet. Mehrere Stimmen gingen davon aus, dass Freiwilligenarbeit eher an Bedeutung gewinnen wird. Gleichzeitig wurde der Begriff selbst hinterfragt.
François Höpflinger berichtete von Gesprächen mit Jugendlichen, die Graffiti machen: Sie würden ihr Engagement kaum als Freiwilligenarbeit bezeichnen.
Stattdessen schlug er vor, stärker von sozialem Engagement zu sprechen.

Im Gespräch über Wandel und Spannungsfelder der Freiwilligenarbeit: Ruedi Winkler und François Höpflinger.
Bild: Hans-Peter Rub

Ein zentrales Thema blieb die Finanzierung. Nachbarschaftshilfen hätten kaum Mittel, gleichzeitig brauche es professionelle Begleitung. Viele Gemeinden hätten kein festes Budget für soziale Beziehungen.
Mehrmals fiel ein Wunsch, der den Abend zusammenfasste:
mehr Partizipation – und mehr Vertrauen ineinander.

Das Generationenforum brachte rund 35 Besucher:innen zusammen, die sich für Fragen rund um Freiwilligenarbeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt interessierten.
Bild: Hans-Peter Rub

Was bleibt.

Das Generationenforum zeigte: Freiwilligenarbeit ist in der Schweiz breit verankert, verändert sich jedoch. Engagement wird flexibler, Strukturen stehen unter Druck. Wenn diese Entwicklung nicht aufgefangen wird, gerät ein zentrales Element des gesellschaftlichen Zusammenhalts ins Wanken. Gleichzeitig bleibt freiwilliges Engagement zentral für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Damit es tragfähig bleibt, braucht es Anerkennung, Ressourcen und Offenheit für neue Formen.

Offen bleibt, wie die Gesellschaft künftig Verantwortung verteilt – zwischen Staat, Organisationen und den Menschen selbst.

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