Endstation Länggasse!?

Die Bushaltestelle Länggasse ist sein Wohnzimmer. Jeden Tag sehen ihn Hunderte Menschen auf ihrem Weg zur Arbeit. Eines Tages erscheint plötzlich die Ambulanz. Eine Kolumne von Fabienne Ayer.

«und»-Kolumnistin Fabienne Ayer. – Bild: Manuel Meister

Jeden Morgen Endstation Länggasse Bern. Dort sitzt er, raucht er, isst er oder liegt er. Immer. Ich weiss nicht wie er heisst. Ich weiss nicht, wer er ist. Ich weiss nicht, was er macht. Ich weiss nicht, wovon er lebt. Viele Fragen, keine Antworten. Ich weiss nur, es gibt bessere und schlechtere Zeiten an der Endstation Länggasse in Bern. Im Taktfahrplan entleeren sich im Minutentakt die Busse und die Studentinnen und Studenten der PH Bern und alle Mitarbeitenden der umliegenden Betriebe sehen dasselbe wie ich. Jeden Morgen, jeden Mittag, jeden Abend.

Endstation Länggasse? – Bild: Fabienne Ayer

Manche grüssen. Manche schweigen. Er grüsst zurück – oder schweigt. Er beobachtet. Den ganzen Tag. Oder schläft.

Diesen Sommer – auf einmal war er weg. Ich blickte umher. Sah seine Taschen, Decken, Duvets auf der Gartenbank stehen. Er nirgends. Haben sie ihn weggeschickt?

Ein paar Tage später – aufatmen – alles beim Alten.

Es gab freudige Momente an der Endstation Länggasse, diesen Sommer. Eines Morgens, ein Liegestuhl neben der Bank. Besuch? Strahlende Gesichter, wir haben uns gefunden. Dieser Satz begleitete mich. Eine Freundin, wie schön. Es gibt keine Unzeiten für Verliebte.

Die Busse kommen und gehen. Ein unangenehmer Herbsttag.

Irgendwann verschwand der Liegestuhl wieder. Der Alltag kehrte wieder ein. Tagein, Tagaus. Endstation Länggasse mit dem Unbekannten.

Heute Morgen, sah ich ihn schlafend, dick eingemummelt in seinem unbezogenen Duvet.

Heute Abend, Aufruhr. Eine Ambulanz, Polizisten, Sanitäter, ich weiss nicht was; alle versammelt um seinen Liegeplatz auf dem Bänkchen. Die Busse kommen und gehen. Ein unangenehmer Herbsttag. Regen und Wind. Nässe. Ein Ambulanzbett steht in der Busstation. Ein weisses Leintuch darüber gespannt. Es wird diskutiert. Die Busein- und aussteigerInnen und BuswarterInnen schweigen betroffen. Blicken zu Boden. Man will nicht glotzen und doch möchte jeder wissen, was geht hier ab?

Ich steige in den Bus. Abfahrt. Ich blicke zurück und sehe, was niemand gerne sieht. Er wird irgendwie auf das Bett gezerrt. Es sieht unfreiwillig aus. Der Bus biegt links ab und unsere Blicke auch. Meine Busnachbarin schüttelt betroffen den Kopf. Es sind Szenen, die niemand sehen will. Es sind Fragen ohne Antworten.

Es war doch sein Wohnzimmer, schon lange. Endstation Länggasse?!


Kolumne

Hier kommen die «und»-Kolumnisten zu Wort.

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