Gertrud Kurz: Darf ich’s wagen, Sie zu fragen?

Wir wagen es, zu fragen: Flüchtlingsmutter Gertrud Kurz, wie gelang es Ihnen im Jahr 1942, den damaligen Bundesrat Eduard von Steiger davon zu überzeugen, das Einreiseverbot für jüdische Flüchtlinge zu lockern?

Gertrud Kurz (1890 – 1972) alias Charlotte Häfeli

Ich bin wohlbehütet in einer sehr sozial eingestellten Appenzeller Fabrikantenfamilie aufgewachsen. Ich durfte die Handelsschule in Neuenburg besuchen, denn mein Vater hoffte, dass ich später in seine Fussstapfen treten würde. Doch daraus wurde nichts, denn ich verliebte mich in meinen zukünftigen Mann, den Naturwissenschafter Albert Kurz. Wir heirateten 1912 und gründeten in Bern eine Familie. Es wurden uns drei Kinder geschenkt.

 Brüder der Strasse

Während nach dem ersten Weltkrieg in Europa die alte Gesellschaftsordnung zusammenbrach, war ich eine ganz «normale» Hausfrau, die sich um die Kinder, den Ehemann und das Haus kümmerte. Ja – es ging uns gut. Ich hatte immer wieder das Gefühl, zu gut. Deshalb lud ich oft die sogenannten «Brüder der Landstrasse» in unser Haus am Berner Sandrain ein. Das waren Bettler, ehemalige Strafgefangene und Landstreicher. Aussenseiter eben, die froh waren um eine Anlaufstelle, wo sie Aufmerksamkeit und etwas Warmes zu essen bekamen. Nicht immer zur Freude meines Mannes, sassen meistens Fremde an unserem Mittagstisch, die wohl nicht so recht in unsere bürgerliche Gesellschaft gepasst hätten.

Kreuzritter

Durch dieses Engagement kam ich in Kontakt mit der französischen Friedensbewegung der Kreuzritter. Ich leitet das Internationale Sekretariat und den Schweizer Zweig dieser Organisation. Das war Anfang der dreissiger Jahre, als sich in Deutschland der Nationalsozialismus breitmachte und Adolf Hitler 1933 die Macht übernahm. Doch bald wurde mir klar, dass ein erneuter Krieg durch unsere Arbeit nicht verhindert werden konnte.
Nach der Kristallnacht 1938 durften die Kreuzritter nicht mehr arbeiten, und die ersten Flüchtlinge suchten Schutz in unserem Land. Weihnachten stand vor der Tür und ich beschloss spontan, eine Weihnachtsfeier für alle Verfolgten zu veranstalten, die in unserer Stadt gestrandet waren. Aufgrund dieser Feier entstand dann mein eigenes Hilfswerk, das sich für jene Entwurzelten einsetzte, für die sich die Caritas oder das Heks nicht zuständig fühlten. Das waren vor allem die Juden und Kommunisten. Ich erhielt viel Unterstützung aus der Bevölkerung und konnte zahlreiche Freiwillige zur Mitarbeit gewinnen. Mit Spenden, Kollekten aus meinen Vorträgen und Erlösen aus Publikationen finanzierten wir die Hilfe für die Schutzbedürftigen. Natürlich stand das völlig quer gegen die Abschottungspolitik der offiziellen Schweiz.

Gertrud Kurz. – Bild: Wikimedia Commons

Kämpferin

Bei den Behörden machte ich mich unbeliebt mit meinen zahlreichen direkten Interventionen für einzelne Flüchtlinge. Ich versuchte die Beamten der Fremdenpolizei zu überzeugen, dass diese Menschen unsere Hilfe brauchten. Meine Beharrlichkeit kam mir dabei zu Hilfe. Oft schrieb ich bis zu dreissig Briefe täglich,  besuchte die Flüchtlinge in den Lagern, Betroffene standen vor unserer Tür und erbaten meine Hilfe. Wirklich schlimm wurde es im Sommer 1942, als der Chef der Fremdenpolizei, Heinrich Rothmund, die Grenzen für Zivilflüchtlinge schloss. Er begründete diesen Entscheid mit der Befürchtung, die Schweiz würde überfremdet und die Juden seien nicht assimilierungsfähig.

Menschlichkeit

Nun nahm ich all meinen Mut zusammen und suchte den zuständigen Bundesrat Eduard von Steiger in seinem Feriendomizil am Genfersee auf. Über drei Stunden habe ich mit ihm verhandelt. Ich schilderte ihm ganz konkret das Schicksal der Menschen, die an unserer Grenze standen. Ich wusste, dass der Tod auf sie wartete. Ich versuchte, von Steigers Mitgefühl zu wecken indem ich ihm Geschichten erzählte. Geschichten von der mühseligen Flucht, von der Vernichtung in den Konzentrationslagern, von der Todesangst der Menschen. Ich hatte mir vorgenommen, ihn nicht zu provozieren, sondern an seine Menschlichkeit zu appellieren und an sein Gewissen. Nach drei langen Stunden versprach er mir, die Massnahme für einige Zeit zu lockern. Ich kann nicht beziffern, wie viele Menschen durch sein Versprechen gerettet wurden, aber ich erwarb mir durch meine Hartnäckigkeit die Achtung der Behörden und konnte so immer wieder Einzelne vor dem sicheren Tod bewahren.


Aus der Kreuzritter-Bewegung ist in der Schweiz später der Christliche Friedensdienst entstanden und meine Arbeit lebt in der Stiftung Gertud Kurz weiter. Und zum Schluss noch dies: Die Schweiz hat während dem zweiten Weltkrieg nebst 104’000 geflohenen Militärpersonen 51’000 Zivilflüchtlinge aufgenommen. Darunter waren 21’300 Menschen jüdischer Abstammung.

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