Exggüsee

Eine kleine Untersuchung des Kolumnisten zu einigen der Formulierungen, die für unser Zusammenleben so besonders wichtig sind.

Kolumnist Heinz Gfeller. – Bild: Mariëlle Schlunegger

Entschuldigung! Da bin ich schon wieder.

Mit dem einen Wort hoffe ich meine Höflichkeit zu zeigen – es ist die kürzeste Version, welche die Idee nur andeutet. Welche Idee?

«Entschuldigung» meint, wie das französisch-berndeutsche «pardon» auch, Vergebung, Verzeihen. Es fasst dies allerdings in einen schwergewichtigen Begriff: die Schuld, die erlassen werden soll. Was, auf höchster Stufe, nur Gott zuzutrauen ist; «und vergib uns unsere Schuld» heisst es doch im Gebet – je nach Übersetzung, es kann auch «Sünde(n)» heissen. Die Schuld(en), die wir seit Adam und Eva angehäuft haben; dieses grauenhafte Erbe, mit dem allerlei Autoritäten uns ewig plagen…

Nein, dahin wollen wir uns nicht versteigen. Damit könnten wir den Alltag kaum ertragen, wie wir’s manchmal an unglücklichen Mitmenschen sehen. Es geht aber um ganz Alltägliches, vielleicht nur um Formen.

Doch es steckt in den Formeln ein interessanter Widerspruch. Machen wir einen Satz: «Entschuldigen Sie! Entschuldigen Sie mich bitte!» Das Gegenüber ist aufgerufen, mir zu verzeihen. Das vermag es zu leisten; ich werde also durch den Mitmenschen von meiner Schuld befreit. Schön für beide. Etwas Ähnliches drückt übrigens die Kurzform aus, die wiederum wir Berner den Franzosen entlehnt haben: «Excusez – Excusez-moi».

Die andere Seite aber lautet: «Ich entschuldige mich»; vorsichtiger: «Ich möchte mich bei Ihnen …»! Da tue ich’s doch gleich selber. Ich spreche mich frei, Sie haben das zur Kenntnis zu nehmen; wollen Sie sich etwa dagegen auflehnen? Freilich, sollten Sie das wollen, da würde es ernst.

Nehmen wir’s lieber ab und zu auf die leichte Schulter: «Wenn Sie mich einen Augenblick entschuldigen wollen…» – nur vorübergehend, das reicht für mein Geschäft.

Gebietet die Höflichkeit wohl auch, sich nicht ständig zu entschuldigen? Jedenfalls kennen wir die «ewigen Entschuldiger», deren Auftritte stets damit beginnen. Machen sie die Formeln nicht wertlos? Gelegentlich möchten wir sie doch mal – nicht entschuldigen.

Dazu die ironische Formel, die das übertriebene Sich-Zurücknehmen karikiert: «Entschuldigung, dass es mich gibt!»

«Entschuldigung! Excusez!» Drei oder vier Silben. Geht es nicht kürzer, wie das im täglichen Leben nützlich wäre? Es geht, und es läuft, und es ist erst noch moderner, weil englisch: «Sorry». «Sorry, du. Sorry, gäll. Ou sorry» – sollte es allzu knapp sein. An sich ebenfalls ein interessanter Ausdruck. Er gehört zu «sorrow», dem Kummer, den Sorgen. Er bedeutet eigentlich: «Ich bin traurig». Wir sagen auch: «Es tut mir leid» – tut mir Leid an. Die Welschen verstärken noch: «Je suis désolé» – untröstlich, tieftraurig. Geheuchelt vielleicht; aber ein guter Grund dafür, uns die lastende Schuld abzunehmen.

Nicht dass wir beim Hinwerfen der zweisilbigen Floskel so viel überlegen würden. Wir haben indes, im Zeitalter der Einsilber, noch Schnelleres gefunden: «Upps». Ich stosse mit jemandem zusammen: «Upps!» Da ist nun allerdings niemand schuld – ich schon gar nicht.


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