«Ich möchte nie sagen: Früher war alles besser»

Drei Fragen an Valentin Bär (21).

Bild: Heinz Gfeller

Lieber Valentin, woher kommst du?

Ich habe bisher immer in Burgdorf gelebt – gut behütet, fast in einer heilen Welt. Ich konnte mich in unserem ruhigen Quartier oft draussen ausleben; mit den Nachbarskindern bildeten wir eine Art internationale Gemeinschaft, was mich politisch geprägt hat: Ich kenne da keine Berührungsängste. Die Zeit, die ich vor einem Bildschirm sitzen durfte, wurde von meinen Eltern eingeschränkt – dafür danke ich ihnen. Ich ging gern zur Schule, ohne grössere Probleme; einige Lehrer sagten, ich sei «gymnasial veranlagt». Ich eigne mir gern neue Dinge an. So entschied ich mich fürs Gymnasium, nicht für den Beruf des Kochs, der mich mit seinen Wahlmöglichkeiten anzog, in dem ich auch schnupperte; der Umgangston und die Arbeitszeiten kamen mir aber problematisch vor. Im Gymer, meine ich, habe ich kritisches Hinterfragen gelernt. Seit der ersten Klasse spiele ich leidenschaftlich Fussball. Und nach der von Eltern und Lehrern verordneten Bambusflöte kam ich zu meinem Wunsch-Instrument, dem Schlagzeug – als meine Beine dafür lang genug waren.

Wo stehst du im Moment?

Heute kann ich nicht mehr, wie früher, ganz im Moment leben, ich muss immer voraus- und zurückdenken. Ich studiere Geographie an der Uni Bern; da muss ich viel anwesend sein, zudem stecke ich in einer intensiven Lernphase, es stehen immer wieder Prüfungen an. Zu Beginn spielt Selektion im Studium eine grosse Rolle; unser Einsteiger-Jahrgang umfasst etwa 100 Studierende. Alles ist recht anonym. Du solltest allerdings vom Gymer die Fähigkeit mitbringen, dass du für dich schauen kannst. Ich habe nun einen eigenen Haushalt – eine WG mit meinem Bruder, oft ist auch meine Freundin da. Da gilt es ebenfalls zu lernen: Wie organisiert man den Alltag. Wie bleibt man für Spontanes offen. Wie behalte ich auch meine Freiräume – denn Ruhe muss ich auch stets wieder finden. Manchmal mag ich nicht reden, will einfach allein sein. Oft auch lesen. Fussball und Musik fordern mich weiterhin heraus. Ich sehe da meine Limiten, aber es gibt doch ständig Neues. Ich spiele in einer Cover-Band, einer stilistisch vielseitigen. Bin jeden Abend ausser Haus. Ich muss wohl lernen, nein zu sagen.

Wohin gehst du?

Ich möchte mein Leben nicht planen. Ich will flexibel bleiben, mich nicht festfahren – und das dann nicht mal merken. Ich möchte nie sagen: Früher war alles besser. Etwas bewegen, das möchte ich schon: etwas, was vielleicht utopisch erscheinen mag, erreichen. Die Geographie bietet einem da ein breites Feld an. Das Studium soll mir zeigen, welche Möglichkeiten mir passen. Wir dürfen hier individuell entscheiden. Kulturgeographie, Raumplanung, Journalismus vielleicht? Ich habe nicht zum Ziel, mein Studium mit 26 abgeschlossen zu haben und mich im bürgerlichen Leben einzurichten. Ich habe schon Zivildienst gemacht, in einer Kita; es stehen noch vier Monate bevor, ein Heim mit Flüchtlingen wäre gut, um deren Geschichten zu erfahren. Was ich für ein Bild von der Welt habe? Ich finde, in Europa hat man Angst. Man kommt mit der Entwicklung, der Globalisierung nicht mit, Leute werden abgehängt, daraus entstehen gefährliche irrationale, populistische Strömungen. Wir drohen Errungenschaften zu verlieren. Ich denke an die Demokratie, ans Klima. Es gibt eine falsche Sehnsucht nach einer angeblich heilen Vergangenheit. ☐


Die drei Fragen

In der neuen Rubrik «die 3 Fragen» beantworten eine junge und eine ältere Person je drei wichtige Fragen zu ihrem Leben.

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