«Never let me go» – lässt nicht so schnell los

Kazuo Ishiguro – zwar in Japan geboren, aber seit seiner Kindheit Engländer – hat 2017 den Nobelpreis für Literatur erhalten. Das weckt doch schon Interesse, auch für seinen Roman von 2005, «Never let me go» (deutsch mit dem ungeschickten Titel «Alles, was wir geben mussten»).

Marianne Senn (65), Heinz Gfeller (68) mit Annina Reusser (23), Mariëlle Schlunegger (23), Trudi Huber (92)

Buchcover. – Bild: zvg
Der Buchclub tagt. – Bild: Annina Reusser

Der Buchclub von «und» hat sich gefragt: Wer wäre geeignet als LeserIn dieses Buchs?

Nicht jemand, dem nur das Reale, nicht aber Zukunftsvisionen behagen. Aber jemand, der sich mit fremden Gesellschaftsformen kritisch auseinandersetzen mag. Der bereit ist, abstrakt zu denken, also auch «Unmögliches» zu überlegen. Den es interessiert, wie das Bewusstsein eines Menschen sprachlich erfasst wird.

Unsere Antworten geben bereits einen Eindruck von dem Roman, der ausdrücklich bis in die 1990er-Jahre in England spielt – doch wie selbstverständlich einige medizinische und gesellschaftliche Erscheinungen enthält, die damals nicht existiert haben (etwa das Klonen) und oft auch seither nicht – aber wer weiss…? LeserInnen müssen sich fragen, ob sie alles, auch das Science-Fiction-Artige, wörtlich nehmen wollen, oder eher symbolisch, in übertragenem Sinn.

Konventionell und durchaus englisch mutet zunächst das ländlich-isolierte Internat an, in dem die drei Protagonisten Kathy (die Erzählerin), Ruth und Tommy aufwachsen. Typische Jugend- und Schul-Erlebnisse spielen sich ab. Doch ganz geheuer wird’s einem dabei nicht; um die Jugendlichen ranken sich Geheimnisse, welche auch ihnen selber lange nicht gelüftet werden. Hier soll die Nacherzählung abbrechen, damit die Spannung nicht wegfällt.

Heinz meint: Der Roman entfaltet die tragische Existenz von ungewöhnlichen Menschen am Rand der Gesellschaft – und eigentlich das Tragische in allem Leben mit seinem Suchen, seinen Trennungen, seiner Endlichkeit. Das Buch, respektive die Hauptfigur, berichtet davon mit nüchterner, wie staunender Distanz, doch deswegen greift es einen emotional nicht weniger an.

Marianne schreibt: Die Geschichte ist sehr traurig, da ein früher Tod der Protagonisten Teil des vorgegebenen Lebenswegs ist. Das Buch schildert hauptsächlich und eindrücklich die menschliche Seele, Sexualität, Liebe, Kreativität und kindliche Unschuld. Es deckt auf, dass wir vieles unseren Vorbildern nachmachen. Die Figuren leben die verordneten Lebensläufe, ohne eigene Werte zu verwirklichen. Sie hegen zwar Hoffnungen auf selbständiges Leben, gehorchen jedoch den Anweisungen. Sie sind Spielzeug von Mächtigen, welche sie gar nicht kennen. Sind unsere Leben weit mehr fremdbestimmt, als wir realisieren?

Der Autor Kazuo Ishiguro. – Bild: Wikimedia/CC-BY-SA 4.0

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