Rausch muss sein oder ?

Was wissen wir – und was halten wir vom Rausch? Von Räuschen, denn es gibt ja ganz unterschiedliche. Drei «und»-Mitglieder haben sich zum Gespräch getroffen; ihre vermischten Stimmen sind hier zu vernehmen.

Der Rausch hat viele Gesichter. So sieht`s unser Zeichner. – Illustration: Silvan Koller

Wir versuchen uns zunächst an einer Definition: Was verstehen wir unter «Rausch»? Einen ausserordentlichen, «erhöhten» Zustand; einen Versuch, unbekannte Erfahrungen zu machen, in eine andere Welt einzutreten, ja, jemand anderes zu werden; einen Verlust von Kontrolle; einen – nicht immer erfolgreichen – Versuch, glücklich zu sein.

Wo überall kommen Räusche vor?

«Wenn’s einer von uns schlecht geht, sagen wir gern: Komm, wir gehen Kleider kaufen» – berichtet Mara. Das ist noch nicht der eigentliche Kaufrausch; doch Annemarie erinnert sich an eine Frau, die Andere – FreundInnen, VerkäuferInnen – zu manipulieren wusste, so dass sie sich trotz Geldmangels Kleider, Luxusartikel beschaffen konnte: ein stets erneuertes Erfolgserlebnis.

Den Spielrausch haben wir vielleicht gar in Las Vegas angetroffen, in einer künstlichen, eigentlich tristen Umgebung. Schon die Automaten erregen ihn; spannender wird’s aber am Spieltisch. Wer einmal gewonnen hat, oder auch nicht, die packt’s; die glauben, sie hätten Einfluss aufs Geschehen. Alle wissen, dass sie Illusionen verfallen; aber sie gehen auf Lotterien ein, sie strapazieren ihr Haushaltsbudget.

Mara bringt den Liebesrausch ins Spiel: «blind vor Liebe» heisst es. Betroffene erleben neue Gefühle, wähnen sich in einer «heilen Welt». (Lesen Sie hierzu Texte, die Mara regelmässig online vorlegt!)

«Als wäre ich ganz frisch verliebt», Mara Brügger. – Bild: Elias Rüegsegger

Gewisse Leute, vielleicht eher junge, empfinden das Bedürfnis, «sich erleuchten zu lassen»: das Schönste, was es gebe. Annemarie hat etwas Ähnliches auf einer Reise in die Sahara erlebt, auf hohen Dünen inmitten einer riesigen Fläche; ein unglaubliches Glücksgefühl, zu Tränen bewegend: «Ich bin nichts, aber ein Teil des Ganzen». Ähnliches verbindet Mara mit dem Meer: «Alles ist gut» – und das lässt sie lachen. Heinz sieht sich so nachts unterm Sternenhimmel, der Unendlichkeit gegenüber.

Liebt die Weite des Sternenhimmels. - Bild: Manuel Meister
Liebt die Weite des Sternenhimmels, Heinz Gfeller. – Bild: Manuel Meister

Man kann auch nachhelfen

Ob all diesen Höhenflügen haben wir die unvermeidlichen Rauschmittel nicht vergessen. Es sieht ja so aus, dass schon in der Steinzeit solche hergestellt und konsumiert wurden, Kräuter, Gebrautes… und zwar oft in der Gemeinschaft, zu rituellen Zwecken.

Das Rauchen gehört dazu. Dieses ergibt sich leicht aus dem Gruppen-Gefühl, auch hier mit Ritualen. Dabei behagt Rauchen, wie Wein oder Kaffee, denen, die damit anfangen, Kindern zumal, kaum. Diese «Genussmittel» verlangen zunächst Überwindung; «man muss den Körper überlisten», meint Annemarie.

Alkohol macht einen leichter, offener, vielleicht «zu der Person, die man gern sein möchte», so Mara. Man wagt es plötzlich, Dinge zu sagen, die sonst… Allerdings tritt beim Alkohol der Gruppendruck hervor. Und natürlich schauen wir Formen des Rausches, die abhängig machen, zur Sucht führen, als negativ an.

Liebt Grenzerfahrungen, Annermarie Voss. – Bild: Generationentandem

Grenzerfahrungen! Annemarie kann von früheren LSD-Erlebnissen berichten: von völlig neuen Wahrnehmungen aller Sinne, von Synästhesien, von extremen Gefühlen beim Musikhören, von der zweitägigen Erschöpfung danach. Und von schrecklichen Erlebnissen, welche andere Menschen auch mal aus der Bahn geworfen haben, wenn das Umfeld ungünstig war. Sie als 25-Jährige hatte indessen schon die Fähigkeit, ihre Risiken einzuschätzen. Der grosse Antrieb liegt aber stets darin: Ich will es selber erfahren!

Muss es sein?

Heinz hat es nicht mal zur ersten Zigarette gebracht. Er hat lange die Idee verteidigt, nüchtern bleiben zu wollen – im positiven Sinn: über den Dingen zu stehen, sich nicht bestimmen zu lassen. «Nüchtern», dieses Gegenwort zum «Rausch», gibt allerdings meistens einen negativen Klang: trocken, uninspiriert, fad – «ernüchternd». Ist der Rausch nicht viel attraktiver?

OL-Läuferin Mara kennt sich besonders im Sport aus, gerade in Ausdauer-Disziplinen. Man spricht heute gern vom «Flow», dem Zustand, in dem «du völlig bei dir bist» – und vielleicht nicht mehr weisst, welche Route du gelaufen bist. Spitzensport kann zur Sucht werden: Es kommt vor, dass  LäuferInnen, die verletzt aussetzen müssen, in eine Depression rutschen. Andrerseits, «wenn die Sucht ausgelebt wird, dann kommt die Verletzung!» Bei normalem Training leidet man zwar auch – doch nachher stellt sich das gute Gefühl ein.

Wir denken über Extremsportler nach, über Kletterer, Jumper; Annemarie bringt eigene Erfahrung ein: vom Gleitschirm-Fliegen. «Überhaupt fängt es schon bei den Kindern an», mit dem Geschwindigkeits-Rausch, oder mit dem Fliegen, etwa auf einer Schaukel. Später mag’s auch aufhören, so wenn ich mitbekomme, dass jemand abgestürzt ist; da taucht unvermittelt die Angst auf.

Den Extremisten scheint das Abenteuer umso grösser, je krasser das Risiko. Sich messen, und wohl auch sein Leben riskieren: Männer – nur sie – machen Autorennen.

Hier stossen wir vielleicht auf den Kern der Sache: zwischen unseren Trieben, dem Entdecken von Unbekanntem, dem Ausloten von Grenzen, und der Angst, der Selbstbewahrung.

Vor allem junge Leute wollen «wissen, wie es ist». Sie lernen neue Facetten ihrer selbst kennen. Freilich kann die Angst ihnen abraten, sie hindern. Und freilich können auch Nüchterne sich auf ihre Art entfalten. Aber der Rausch gehört doch wesentlich zum Menschen.