Stell dir einmal vor: Eine Million in einer Banknote

Stellen Sie sich einmal vor: Eine Million Franken in einer Note. Was würden Sie damit tun? Zwei AutorInnen spinnen ihre Geschichte dazu.

Liebe LeserInnen: Machen Sie das Gedanken-Experiment doch zunächst selber, bevor Sie die Geschichten lesen, welche zwei «und»-Autorinnen sich ausgedacht haben. Hier die Anregung – die einem bekannten Schriftsteller entlehnt ist:

«Ein armer junger Mensch wird von zwei reichen Personen angeheuert, welche eine Wette austragen wollen: Was wird mit ihm/ihr geschehen, wenn er/sie über eine – offenbar echte – 1-Millionen-Franken-Note als einzige Barschaft verfügt? In einem Monat wollen sie sich wieder treffen.»

Wie würde Ihre Version aussehen?

Was tun damit? Eine Note im Wert von einer Million Franken. – Bild: Silvan Koller

Sarina Rösti. – Bild: Mariëlle Schlunegger

Auf der Gasse

Sarina Rösti (17)

Die zwei Männer lassen mich einfach so stehen und steigen in ihr Auto. Mein Blick bleibt auf ihren sichtbar teuren Anzügen hängen, die glänzend schwarz in der Sonne schimmern. So schnell, wie sie da waren, so schnell sind sie wieder gegangen. Ich bin wieder alleine.

Bild: Silvan Koller

Was ist gerade passiert?, frage ich mich. Ich spüre die Note in meinen Fingern. Sie fühlt sich dünn an und ich frage mich, ob ich sie wirklich in der Hand habe oder ob ich das alles nur geträumt habe. Endlich löse ich meinen Blick, der ins Leere starrt, wo einst die Männer standen. Eine Million. Ich besitze seit einigen Sekunden eine ganze Million Franken und das, obwohl ich sonst gar nichts habe. Und weiss nicht mal, was ich damit anfangen soll.
Die ersten paar Tage habe ich gar nichts unternommen. Ich habe die Note gefühlte hundert Mal gefaltet und sie in meinen zerlöcherten Hosen aufbewahrt. Mir ging immer durch den Kopf, dass ich jetzt theoretisch alles kaufen könnte, was mir fehlt und was ich möchte. Aber ich traute mich nie in die Läden.
Heute habe ich mich endlich zusammengerissen und bin in den ersten Supermarkt, den ich sah. Dort kaufte – oder holte – besorgte ich Snacks. Später lief ich durch die Stadt und suchte andere Obdachlose. Mit der Zeit lernt man sich kennen, wenn man durch die Gassen schlendert, auf der Suche nach Essen in Mülleimern oder nach Schutz. Darum wusste ich, wo sich die Penner – wie uns die Reichen nennen – rumtrieben. Ihnen verteilte ich erst mal die ganzen Snacks.

Bild: Silvan Koller

Die Freude in ihren Augen, als wir alle zusammen im Park am Boden assen, löste auch in mir ein gutes Gefühl aus. Es fühlte sich an wie ein Familienessen. Sie fragten mich, woher ich Geld hätte, ob ich gestohlen hätte. «Nein. Zwei Reiche haben mir etwas gegeben. Ich weiss nicht, warum sie mich ausgewählt haben, aber jedenfalls habe ich jetzt für einen Monat Geld – und dann wollen sie wieder kommen.»
«Aber sie werden dir das Geld sicher wieder wegnehmen! Schnell, Kind, geh und kauf dir so viel wie möglich, jetzt kannst du dir endlich mal was gönnen. Schnell, geh und gib das Geld aus. Wenn du es richtig machst, wirst du gross rauskommen, sodass du nie mehr auf der Strasse leben wirst.
Dann wirst du ein gutes Leben führen in einem Haus, und die Leute werden mit dir reden und dich nicht mitleidig anschauen oder sich vor dir ekeln. Du wirst nicht mehr zu uns gehören, weil du über uns stehen wirst. Aber es wird dir gut gehen.», sagte einer der Obdachlosen mit langem Bart und schmutzigem Gesicht. Er verschlang den letzten Bissen des Sandwiches, das ich ihm gegeben hatte, und schickte mich weg. Er wollte nur das Beste für mich. Also machte ich mich auf den Weg und schaute mir alle Läden genau an. Aber wo sollte ich hin? Du wirst nicht mehr zu uns gehören… Die Worte hörte ich immer wieder in meinem Kopf. Ich drehte mich um und ging zu den Obdachlosen. «Lieber bin ich arm und habe euch, als viel Geld und keine Freunde!», sagte ich. Und jetzt sitze ich hier mit meinen Freunden und warte, bis der Monat zu Ende geht.
Als die zwei Männer wieder zu mir kommen, fragen sie: «Was hast du mit dem Geld gemacht?»
«Ich habe mir und meinen Freunden Essen gebracht. Aber ich habe noch ganz viel und ich möchte es nicht mehr. Ich habe alles, was ich brauche. Spenden sie es von mir aus.» Die Männer machen grosse Augen und scheinen erstaunt über meine Antwort. «Du hast dich also nicht verändert, auch mit so viel Geld nicht?»«Nein, ihr müsst wissen, dass Geld nicht alles ist. Schenkt mir das nächste Mal lieber etwas, was wirklich wichtig ist.» ☐


Telsche Keese. – Bild: Mariëlle Schlunegger

Der Penner

Telsche Keese (80)
«America first» flimmert die Werbeschrift über dem Times Square. Eine Autotür fällt zu, zwei Herren sind auf dem Weg zur «After-work-party», als eine schmutzige Hand sie am Weitergehen hindert. Ein Griff in die Manteltasche des einen, und ein paar Noten verschwinden knisternd in der ausgestreckten Hand.
A zu B: «Die wollen doch immer nur Geld. Ich wette, es dauert nicht lange, dann hockt der wieder hier, aber stockbesoffen, nein, bekifft, und das nächste Mal machen seine Kumpels dich fertig.»

Bild: Silvan Koller

B: «Nee, der hatte so einen gutmütigen Doggenblick. Ich hab‘s doch! Spiel gern mal Glücksengel, das gibt mir ein abgrundtief gutes Gefühl.»
Der Obdachlose ballt die Hand zur Faust, schielt ungläubig auf die Nullen auf grünem Grund und verzieht sich. Eilig kehrt er zurück ins Asyl, packt seine sieben Sachen in eine Reisetasche, drückt sich stumm an der Empfangsloge vorbei. Hinter der nächsten Ecke besteigt er ein Taxi mit dem Ziel: Airport. Er muss zurück nach Afrika, seine ganze Sippe dort wird staunen.
Sie hatten ihn zu Recht in das Land aller Träume geschickt, er kommt als «Winner» zu ihnen und lässt jetzt die Puppen tanzen, jeden Tag ein Jubelfest und Freudenfeuer. Der Mann wirft mit dem Geld um sich, alle sollen daran teilhaben; was mir gehört, gehört auch dir, der ganzen Familie. So sagt es ein afrikanisches Sprichwort: «Blut ist dicker als Wasser.» Allerdings gesellen sich ganz seltsam jeden Tag immer neue Verwandte dazu und nennen sich Cousins und Tanten, von denen er noch nie gehört hat.
Eines Tages kann er die gierige Verwandtschaft vor seiner Tür nicht mehr abwehren: Mehr, mehr! schreien sie, ihre Wünsche wachsen wie Disteln auf den Feldern immer wieder nach. Sie beginnen den Bluffer zu verfluchen, der merkt, wie seine Taschen sich leeren. Als seine Leute ihm gegenüber immer feindseliger werden, verlässt er sie und fliegt zurück an seinen Schicksalsort am Times Square – und wartet.

Bild: Silvan Koller

Die Leute strömen vorbei, es wird dunkel und er döst vor sich hin. Da, ein Wagen bremst brüsk vor ihm und einige Herren steigen gutgelaunt aus. Im Gehen dreht sich einer kurz um und schaltet die Verriegelung ein, als plötzlich jemand ruft: «He, Sie, wir kennen uns doch!» «Wie, wir? Woher?» Der Herr schlägt irritiert seinen Mantelkragen hoch, stoppt aber und erkennt den Mann mit dem wehmütigen Doggenblick wieder. Der lacht freundlich zurück und fingert aus seiner Hosentasche eine Dollarnote. «Sie haben mir schon einmal geholfen, ich hatte eine gute Zeit, das war super. Hier, nehmen Sie das, als kleinen Dank von mir.» Ungläubig greift der Auserwählte nach dem Schein und eilt den Freunden nach. Die Boni sind gut ausgefallen. Am Tresen geht es hoch her, mit Schnaps und Bier trinken sie auf das gute Leben. Stress und Ärger fliessen gleich mit die Kehle hinunter. «Hab ich es nicht gesagt, Chancen muss man geben und immer an das Gute glauben… Ach, du Spinner»… Sie bechern bis in die Nacht. Als sie zu singen beginnen, ruft einer: «Für heute ist‘s genug, ich halte euch alle frei», zieht eine Note aus der Tasche und streckt sie dem Wirt entgegen. Der zögert, reibt sie zwischen den Fingern, hält sie ans Licht. «Niemals, die nicht, wo lässt du drucken?» Die Dollarnote geht von Hand zu Hand: Eine Blüte der feinsten Sorte! ☐


Und jetzt: das Original

Der Schriftsteller, der sich die Sache ausgedacht hatte, heisst Mark Twain. «Die 1-Millionen-Pfund-Note» ist eine seiner zahlreichen satirischen, oft phantastischen Geschichten. Nur dies sei hier verraten: Der Erfolg seiner armen jungen Hauptfigur beruht darauf, dass sie die Note immer wieder zeigt, sich damit einen Ruf erwirbt, aber nie wirklich zahlen muss.


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